Ulfert Janssen: Ansicht des Ateliers (Photographie des Künstlers)

Berlin - Die aktuellen Bilder des aus Ostfriesland stammenden Malers und Designers Ulfert Janssens fallen ins Auge. Nicht allein wegen ihrer Größe, sondern mehr noch wegen des starken Kontrasts aus kräftig-kühlen Acrylfarben und rostig-warmem Metallhintergrund. Wir waren neugierig, und so können wir unseren Lesern mal wieder ein kleines Interview präsentieren ...

ART DEPESCHE: Herr Janssen, Sie hatten in frühen Jahren einen nicht unbekannten Lehrer. Wie ist Ihnen Bodo Olthoff in Erinnerung, was hat er Ihnen mitgegeben?

JANSSEN: Herr Olthoff hat bei mir die Grundlagen zum Zeichnen und Malen gelegt. Dabei meine ich nicht nur das Handwerkliche und die verschiedenen Zeichen- und Maltechniken, sondern auch und speziell das Sehen, Betrachten und Umsetzen.

Sicherlich ist auch zu berücksichtigen, daß Bodo Olthoff eine Ausbildung als Grafiker gemacht hat, was in seiner Mal- und Zeichentechnik sowie auch in der Reduktion und Komposition der Bilder zum Ausdruck kommt und mich maßgebend beeinflußt hat.

ART DEPESCHE: Ich habe gleich einmal geschaut: Olthoff selbst studierte bei Hans Griepentrog, dieser wiederum bei Alfred Partikel, Wilhelm Rudolph und Willy Jaeckel. Wenn wir noch weiter zurückgehen, finden wir Carl Bantzer, Ludwig Dettmann, Franz Skarbina, Eugen Bracht, Robert Sterl, Otto Gussmann, ... Eine recht prominente Ahnenreihe, könnte man sagen!

JANSSEN: Ja, das ist eine starke handwerkliche Ahnenreihe. Aber ich denke, daß man künstlerisch nicht soweit zurück gehen braucht, und der Einfluß nur noch sehr klein ist, je weiter man der Ahnenreihe nachgeht. Jeder lernt vor allem das Handwerk, sicherlich auch künstlerische Interpretation in gewissen Maßen, aber dann sucht jeder für sich seinen eigenen Weg. Man sollte die Arbeiten der Künstler immer im zeitgenössischenund kulturellen Kontext sehen. Die Entstehungszeit und Periode, in der die Künstler arbeiten, in Betracht zu ziehen ist wichtig, und der Einfluß ist variabel. Zum Beispiel hat die Erfindung der Fotografie der Möglichkeit der abstrakten Malerei einen wirklich freieren Laufauf breiterer Linie gegeben, und der Unterschied zwischen zwei Malgenerationen scheint gewaltig.

Aber zurück zum Einfluß von Hans Griepentrog auf Bodo Olthoff. Da sind sicherlich vor allem bei den Skizzen und Federzeichnungen Akzente des Lehrers zu sehen. Bei der Ölmalerei hat Bodo Olthoff einen ganz eigenen Stil für sich entwickelt, wo auch sein tiefes Farbverständnis voll zum Ausdruck kommt.

Bei Bodo Olthoff und auch bei mir selbst ist sicherlich speziell, daß wir beide außerdem eine Design-Ausbildung haben, was sicherlich in der Zeichentechnik sowie Bildkomposition zum Tragen kommt. Schlußendlich würde ich von meinem Zeichenstil sagen, daß es eine feine Mischung aus Designhintergrund und dem Einflußvon Bodo Olthoff ist. Diese Skizzentechnik wird jedoch eher bei meinen Illustrationen offensichtlich und nicht so sehr bei den Rost-Bildern.

ART DEPESCHE: Die erkennbaren Bezüge Ihres Werkes sind freilich eher bei klassischer Moderne, Pop- und Street Art zu finden ...

JANSSEN: Das trifft sicherlich auf ein Großteil meiner Bilder zu. Mir ist aber auch wichtig, mich nicht zu sehr festzulegen oder einen erkennbaren Stil zu haben, außer vielleicht das Malen auf Rost, aber nicht unbedingt die Maltechnik. Ich bin sehr offen, Verschiedenes auszuprobieren und zu forschen. Das rastlose Suchen und Nichtfinden ist ja die spannende Herausforderung.

ART DEPESCHE: Derzeit liegt der Schwerpunkt Ihres Schaffens bei Malerei auf rostigen Metallplatten. Gab es ein Erlebnis, welches Sie auf diese Idee brachte?

JANSSEN: Ein Schlüsselerlebnis würde ich jetzt eher nicht sagen. Doch Rost hat eine unglaubliche Anziehungskraft, starke Farben und Strukturen und dies hat mich schon lange fasziniert.

Somit war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann ich damit zu experimentieren anfange. Ich denke, Proportionen und Komposition sind bei meiner Gestaltung sehr wichtig, auch um demRost seinen gebührenden Entfaltungsraum zu gewähren. Der Rost, als etwas mit Vergangenheit, wird mit seiner natürlichen Farbe und matten Oberflächenstruktur als Kontrastpunkt genutzt, um eine Spannung im Bild herzustellen.

ART DEPESCHE: Was ist die Besonderheit des Materials, im Vergleich zur Leinwand?

JANSSEN: Rostplatten verzeihen einem nicht so viel wie Leinwände. Man kann Unfälle weniger gut reparieren, denn die oxidierten Platten fungieren nicht nur als Leinwand oder Hintergrund, sondern werden Teil des Gemäldes.

Man kann zwar abschleifen und wieder rosten lassen, aber dies braucht Zeit. Somit sollten die Pinselstriche möglichst sitzen.

ART DEPESCHE: Lassen Sie den Oxidationsprozeß geschehen, oder greifen Sie lenkend ein?

JANSSEN: Es ist beides, da man die Oxidationsprozesse teilweise steuert, indem man verschiedene Techniken anwendet, aber die Witterung ist auch ganz wichtig. Rost ist ein spezielles Medium und benötigt eine längere Vorbereitungsphase. Zwischenzeitlich werden die Platten nochmals teilweise angeschliffen und bearbeitet, um verschiedene Abstufungen zu bekommen. Rost ist wie Wein und braucht einen Reifungsprozeß, bis dieser eine gewisse Tiefe, Textur und Farbe bekommen hat. Es dauert teilweise mehrere Monate, bis die Platten bereit sind, um darauf zu malen. Meine Bilder sind eine Mischung aus Metallarbeit und Malerei.

ART DEPESCHE: Und wie wählen Sie die Motive des Malanteils? Inwieweit spielt dabei der Hintergrund, wie Sie ihn vorfinden, eine Rolle?

JANSSEN: Jede Rostplatte hat ein anderes Muster sowie Farbgebung und ist dadurch schon einzigartig. Die Rostplatten mit Textur und Farbe werden für das entsprechende Gemälde über einen längeren Zeitraum sorgfältig ausgesucht und präpariert. Bei Platten, die eher einen wilderen Ausdruck, Textur und Farbgebung haben, paßt besser ein ruhigeres Farbwerk, und umgekehrt – Rostplatten mit einem defensiven Muster und Farbgebung vertragen gut eine starke und energiereiche Farbenarbeit.

ART DEPESCHE: Wenn man etwa durch die Kirchen Roms geht, kann man lernen, daß mancher Alte Meister, etwa Caravaggio, seine Gemälde genau für einen speziellen Raum malte, es war in seiner Wirkung auf diesen abgestimmt. Sie betonen bei der Präsentation Ihrer Bilder deren Wirkung im Raum. Haben Sie eigentlich beim Schaffen bereits bestimmte Vorstellungen des Raumes, welchen die Arbeiten schmücken sollen?

JANSSEN: Ja, das ist treffend. Man hat oft einen idealen Raum für das entsprechende Bild vor dem inneren Auge, während man daran arbeitet. Generell passen natürlich sehr gut helle und moderne Innenarchitekturen zum Rost, da es einen sehr schönen Kontrast ergibt. Helle hohe Räume und die Wärme von dem Rost finde ich sehr schönund eine tolle Kombination. Auch paßt die Vergänglichkeit vom Rost als Kontrast gut ins moderne Raumgefühl. Dies ist aber meine persönliche Auffassung, und andere finden gerade das Einschmiegen der Bilder in ihre Raumgestaltung passend. Aber dies ist ja auch das Schöne und Spannende, daß jeder die Bilder anders sieht und wahrnimmt, und es werden jeweils unterschiedliche Emotionen, Erinnerungen und Sichtweisen ausgelöst.

ART DEPESCHE: Mal ganz profan und laienhaft gefragt: rosten die Bilder an ihrem Bestimmungsort weiter, oder werden sie in einem bestimmten Zustand konserviert, und, wenn ja, wie?

JANSSEN: Rost ist ja ein Korrosionsprozeß mit Metall, der als Oxidation durch Sauerstoff und Wasser entsteht. Im idealen Fall ist der Wassergehalt in der Wohnung eher gering … Sobald die Platten in den Innenräumen sind, hört der Prozeß quasi auf. Über die Jahre wird der Rost durch den minimalen Feuchtigkeitsgehalt in der Wohnung etwas nachdunkeln. Aber Bilder, die ich vor 20 Jahren gemalt habe, sind einwandfrei. Es könnte fast spannend sein, wenn die Oxidation so fortlaufen würdesich das Bild dadurch ständig verändert und der Betrachter so Augenzeuge der Morphose werden kann.

ART DEPESCHE: Sie sind indes nicht nur Maler, sondern auch Designer, haben in Pasadena, Kalifornien, Design studiert, sind selbst Gründer von Gannet Design, eines in der Schweiz ansässigen professionellen Studios, und haben unter anderem für Renault und Nissan gearbeitet. Würden Sie sagen, daß dieser Hintergrund den Blick auf die Malerei grundsätzlich ändert?

JANSSEN: Ich denke, als Designer hat man ein geschultes Auge und ein breites Interesse fürArchitektur, Mode und Design sowie Gestaltung generell: Formgebung, Material und Details sind genauso wichtig wie auch ein sensibles Gespür. Zur Vorbereitung der Designprojekte wird jeweils sehr viel Research gemacht, und man ist vielen Eindrücken, Trends, Bildmaterial und gesellschaftlichen sowie kulturellen Komponenten ausgesetzt. Es fließen sicherlich nicht immer bewußt solche Teile mit in die Bilder ein, aber man trägt das ganze Material mit in sich und es wird verarbeitet.
Die Malerei ist auch ein sehr schöner Gegenpol zu den Design-Projekten, da man dort eine andere Arbeitsweise und Ziel hat.

ART DEPESCHE: Zu guter Letzt: was dürfen wir in nächster Zeit von Ihnen erwarten? Ausstellungen? Publikationen

JANSSEN: Zurzeit arbeite ich an einigen neuen Rost-Bildern, bei denen ich verschiedeneTechniken verbinde, die recht intensiv sind und auch durch Gegensätze eine Spannung im Bild erzeugen. Gerne würde ich diese in einerAusstellung zusammen zeigen, wenn sich die aktuelle Lage weiter beruhigt hat.

ART DEPESCHE: Wir danken Ihnen recht herzlich für die Beantwortung unserer Fragen und wünschen Ihren Bildern zahlreiche neue Freunde!

JANSSEN: Ganz herzlichen Dank!

 

Verweise:

https://www.ulfertjanssen.com/
https://www.gannetdesign.com/?lang=de
https://www.instagram.com/ulfert.janssen/

Bilder auf Rost – Ulfert Janssen im Interview https://art-depesche.de/images/Ansicht_des_Ateliers.jpg Ruedi Strese
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