static-aside-menu-toggler
gkSearch
Evgeny Bolsoboev „Nomadisches Asien“ (Ansicht der Ausstellung in der Galerie ARS PRO DONO, 2021)

Zweimal bereits hat die ART DEPESCHE über Ausstellungen des burjatischen Malers, Graphikers und Bildhauers Evgeny Bolsoboev berichtet. Derzeit ist in der Berliner Galerie ARS PRO DONO unter dem Titel „Nomadisches Asien“ eine Rückschau der letzten rund 20 Jahre zu sehen. Wir nahmen das zum Anlaß, diesem bemerkenswerten Künstler einige Fragen zu stellen.

ART DEPESCHE: Herr Bolsoboev, Sie haben am Kunstinstitut in Wladiwostok studiert. Was können Sie über Ihre Zeit an jenem Institut, welches für den fernen Osten ziemlich wichtig, doch in Europa nahezu unbekannt ist, sagen?

BOLSOBOEV: Ich habe von 1998 bis 2004 am Fernöstlichen Institut studiert. Damals lehrten viele betagte Professoren, sie waren im hohen Alter: Kirill Shebeko, Veniamin Goncharenko, Wassili Doronin, Nikolai Zhogolev. Sie hatten konservative Ansichten über den Bildungsprozeß, mit den besten Traditionen der Schule des russischen Realismus als Grundlage. Eine der Hauptaufgaben während meines Studiums war die Beherrschung professioneller Fertigkeiten. Auch Kompositionsaufträge hatten eine starke Tradition. Spannende Vorträge zur Kunstgeschichte hielt der Kunstkritiker Vitaly Kandyba.

ART DEPESCHE: Wer waren Ihre wichtigsten Lehrer, was ist über diese zu sagen?

BOLSOBOEV: Ich denke da an Olga Ivanova und Viktor Rybin als Lehrer an der Kinderkunstschule der Region Tschita, welche zu meiner Bekanntschaft mit der bildenden Kunst beigetragen haben. An der Kunstschule Kyakhta hatte der Lehrer Alexander Taranenko großen Einfluß auf meine Entscheidung, mein Studium am Institut fortzusetzen.Am Fernöstlichen Institut haben Professor Kirill Shebeko, Vitaly Kandyba und andere Lehrer gute Kenntnisse vermittelt, und ich bin ihnen dankbar.

ART DEPESCHE: Offensichtlich spielt der Schamanismus die zentrale Rolle in Ihren Arbeiten. Sind Sie ein aktiver Anhänger der schamanischen Tradition?

BOLSOBOEV: Das Thema Schamanismus ist eines der Themen, die mich interessieren, aber nicht zentral. Bis ich fast 40 Jahre alt war, habe ich den Schamanismus nicht kennengelernt, in meiner Kindheit und Jugend während der Sowjetzeit war der Schamanismus nicht weit verbreitet. Ich versuche, das Phänomen des Schamanismus aus wissenschaftlicher und kritischer Sicht zu verstehen und meine logischen Schlußfolgerungen durch die Kunst zu reflektieren.

Andere Themen, die mich interessieren, sind die Landschaft und Geschichte der Nomadenreiche Zentralasiens.

ART DEPESCHE: Sie haben eine sehr besondere Art, die Farbe zu nutzen. Meist wird ein Gemälde von nur einer Farbe in mehreren Varianten bestimmt. Was ist die Bedeutung von Farbe in Ihren Bildern?

BOLSOBOEV: Sie beziehen sich anscheinend auf die schamanische Serie. Ich wollte eine dem Thema Schamanismus entsprechende Farbgebung wählen, um das uralte Mysterium zu vermitteln, daher dominieren dunkle Farbtöne.

ART DEPESCHE: Sie haben einen sehr entschiedenen Individualstil, welcher leicht erkennbar ist, ganz gleich, ob wir Ihre Bilder, Graphiken oder Skulpturen betrachten ... was denken Sie, macht diesen Stil so außergewöhnlich?

BOLSOBOEV: Die Wahl des Themas erfordert eine kompositorische Suche und führt zum Stil. Am schwierigsten ist es, den eigenen Stil zu finden, damit er sich abhebt, nicht die Suchergebnisse anderer Autoren wiederholt. Die Ausstellung präsentiert hauptsächlich drei Themen: Graphiken zum Thema des „Geser“-Epos, das Schamanen-Thema und das Thema des Nomadentums. Wahrscheinlich dominiert meine von der Graphik kommende Flugzeugvision. Des Weiteren habe ich einige der Erkenntnisse aus graphischen Blättern in Skulpturen umgesetzt. Ich versuche, die Idee zu konzentrieren, alles Unnötige zu entfernen, manchmal gibt es fast ein Zeichen, ein „Skelett“.

ART DEPESCHE: Obgleich Ihre Arbeit nur in ihrem eigenen kulturellen Kontext vorstellbar ist: Gab es westliche Künstler, die diese beeinflußt haben?

BOLSOBOEV: Ja, zweifellos! Ich bin mit der westlichen Kultur aufgewachsen. Ich mag zum Beispiel die Arbeiten Picassos mit ihren kühnen Experimenten und ihrer Energie sehr, ich mag auch die Arbeiten vieler westlicher Künstler, zum Beispiel des deutschen Expressionismus. Die russische Kultur – zum größten Teil auch die westliche – hat die Kunst vieler Völker miteinbezogen. Ich mag die Arbeit der georgischen Bildhauerin Elguja Amashukeli mit einer Kombination aus Archaischem und Nationalem. In der Malerei mag ich den lyrischen Albert Marquet, den romantischen Rockwell Kent, ich mag Martiros Sarian mit seinen orientalischen Motiven auf russischem Boden.

ART DEPESCHE: Welche anderen burjatischen Künstler sollten unsere Leser kennen?

BOLSOBOEV: Die Werke der burjatischen Bildhauer Gennady Vasiliev und Dashi Namdakov halte ich für interessant.

ART DEPESCHE: Sie sind mittlerweile auch selbst Kunstprofessor in Ulan-Ude. Was sind die wichtigsten Aspekte, die Sie Ihren Studenten zu vermitteln suchen?

BOLSOBOEV: Es tut mir leid, ich bin noch kein Professor ... Aber ich unterrichte wirklich Kunst in Ulan-Ude. Ich halte es zunächst für wichtig, Grundkenntnisse, zeichnerische Fähigkeiten und kompositorisches Denken zu beherrschen. Anschließend können Sie das gewonnene Wissen auf kreative Aufgaben anwenden.

ART DEPESCHE: In Deutschland können Ihre Werke durch die Galerie ARS PRO DONO in Berlin bezogen werden. Wie sind Sie mit dieser Galerie in Kontakt gekommen, und was können Sie über die aktuelle Ausstellung sagen?

BOLSOBOEV: Seit 2009 kooperiere ich mit der Galerie ARS PRO DONO in Berlin. Die Inhaber der Galerie sind in Kasachstan und Sibirien geboren, und die Galerie hat sich auf Kunst aus postsowjetischen Ländern spezialisiert. Die Ausstellung präsentiert meine Suche nach Kreativität über einen Zeitraum von etwa 10 Jahren. Dies ist eine Art Resumé und eine Orientierung für die weitere schöpferische Suche.

ART DEPESCHE: Wie ist die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit?

BOLSOBOEV: Einige meiner Arbeiten wurden gekauft, das heißt, daß sie für das deutsche Publikum von Interesse sind.

ART DEPESCHE: Sind bereits Publikationen Ihrer Werke, wie Kataloge, erhältlich?

BOLSOBOEV: Ich habe keine Kataloge meiner eigenen Werke, aber ich plane, einen kleinen Katalog herauszubringen. Es gibt Veröffentlichungen in allgemeinen Zeitschriften und Alben über die Künstler Burjatiens.

ART DEPESCHE: Was sind Ihre Vorhaben für die nähere Zukunft?

BOLSOBOEV: Meine Leidenschaft für Bronzeskulpturen fesselt mich, in näherer Zukunft sehe ich meine kreativen Erkundungen in dieser Richtung.

ART DEPESCHE: Herr Bolsoboev, vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen und die besten Wünsche!

BOLSOBOEV: Vielen Dank für Ihre interessanten Fragen, die ich gerne beantwortet habe!

 

Verweise:

https://www.arsprodono.de/advanced_search_result.php?categories_id=0&keywords=bolsoboev&inc_subcat=1
https://art-depesche.de/malerei/509-mongolischer-wind-–-zentralasiatische-kunst-in-berlin.html

Ulan-Ude, Wladiwostok, Berlin: Evgeny Bolsoboev im Interview https://art-depesche.de/images/Nomadisches_Asien.jpg Ruedi Strese