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Igor Egorov „The Nightingale Dusk“ (Öl auf Leinwand, 2020)

Berlin – Vor mittlerweile sechs Jahren hatten wir unseren Lesern den brillanten Igor Egorov aus Weißrußland in einem kleinen Beitrag vorgestellt. Seither ist viel Wasser die Swislatsch (so heißt der Fluß, an dessen Ufer die Hauptstadt Minsk liegt) heruntergeflossen, und nicht jeder unserer Leser war damals schon dabei. Grund genug, in einem Interview erneut auf das Schaffen Egorovs aufmerksam zu machen ...

ART DEPESCHE: Lieber Herr Egorov, wir freuen uns über diese neue Gelegenheit, unseren Lesern Ihr Schaffen näherzubringen ... Da die meisten unserer Leser sich nicht an den Beitrag vor sechs Jahren erinnern werden, bitten wir zunächst um ein paar grundlegende Informationen über Ihr Leben und Ihre künstlerische Ausbildung.

EGOROV: Ich habe im Alter von etwa sechs Jahren begonnen, sinnvoll zu zeichnen, klassische Künstler kopierend. Davor habe ich, wie alle Kinder, nur irgendetwas im Kinderstil gezeichnet – Kritzeleien? Papier beschädigt – kindliche Kreativität? Etwas dergleichen.

Meine Eltern hatten eine große Bibliothek an Reproduktionen, und ihre Gemälde und akademischen Zeichnungen hatte ich stets vor Augen. Überzeugt, daß ich ein Künstler sein wollte, setzten sie mir vom frühesten Anfang an Ziele. Die Beherrschung des Raumes durch Farbe (Luftperspektive) und Linearperspektive. Das Verhältnis von Massen und Volumen in der Komposition. Und andere grundlegende professionelle Fertigkeiten.

Dann, im Alter von elf Jahren trat ich in eine Kunstschule ein und habe dort, parallel zur normalen Schule, ich denke vier Jahre gelernt. Danach habe ich auch vier Jahre an der Kunstoberschule studiert. Es war eine gute Zeit, die klassischen Disziplinen zu studieren, bei gleichzeitiger Freiheit des Geistes. Die Studenten hatten ihre eigenen Hobbies: Einer war am Impressionismus interessiert, ich war vom Surrealismus angetan, jemand war mit Performance beschäftigt, Installationen von Kunstobjekten, meine Freunde komponierten Musik und organisierten eine Rockband.

Während der Pause zwischen der Oberschule und der Akademie ging ich die ganzen drei Jahre lang zu abendlichen Zeichenkursen, zwei bis dreimal pro Woche für vier Stunden. Meine Kameraden und ich haben Geld gesammelt, Räumlichkeiten und professionelle Modelle von der Akademie bezahlt. Der Wettstreit war groß und viele waren gut vorbereitet.

Es ist mitteilenswert, daß eine gewisse Anzahl von Plätzen bei der Zulassung für die „richtigen Leute“ reserviert war. Sie wurden ungeachtet der Ergebnisse ihrer Examen zur Akademie zugelassen. An der Akademie war der Unterricht außergewöhnlich professionell und hart.

Die Komposition wurde von den Grundlagen des Verstehens der Wirkung auf den Betrachter bis zur Verwendung verschiedener Stile studiert, doch mit dem verpflichtenden Erzielen des gewünschten Eindruckes. Die Qualität der Arbeit des Studenten mußte konstant steigen. Das betraf auch andere Dinge. Das Hauptprinzip ist, daß der Student lernen muß, zu lernen, Wissen und Fertigkeiten zu suchen, und nicht nur herumsitzen und darauf warten, unterrichtet zu werden. Insgesamt habe ich neun Jahre in systematischer Ausbildung vollbracht, das Selbststudium nicht eingerechnet.

ART DEPESCHE: Wir wissen, daß Ihre Eltern bereits produktive Künstler waren. Während Ihr Vater, Valentin, vor allem ein Landschaftsmaler war, bevorzugte Ihre Mutter, ausgehend von den Bildern, die ich gesehen habe, Aquarellporträts. Was haben Sie von ihnen gelernt?

EGOROV: Ich habe viel von meinen Eltern gelernt. Vater und Mutter hatten zu einer Zeit an der gleichen Akademie bei Lehrern studiert, welche sich noch an die Lehrmethoden des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts erinnerten, sie waren in der Lage, das Können des „Silbernen Zeitalters“ zu vermitteln. Deshalb war ich in der Lage, im Rahmen meiner Fähigkeiten die Aquarelltechnik und ein Grundverständnis der Ästhetik der Kunst zu meistern. Der Einfluß der Aquarelltechnik ist in der Art, wie ich mit Ölfarben arbeite, immer noch sichtbar.

Und natürlich hatte ich die vollkommen kompromißlose Haltung meines Vaters bezüglich Fehlern beim Zeichnen und der Ölmalerei auszuhalten. Mein Vater war nicht nur ein Landschaftsmaler. Er arbeitete auch in den Genres des Portraits, des Stillebens und vielen anderen. Seine Leidenschaft galt der Ölmalerei, doch beruflich war er mit Lithographie und Radierung beschäftigt. Er war Buchillustrator.

Es ist schwierig für mich, zu unterscheiden, was mein Vater und was meine Mutter mich gelehrt haben. Wenn um einen herum ständig Kunst geschaffen wird, ist es fast unmöglich, Teile aus der Gesamtwahrnehmung herauszulösen – hier sah ich das, und hier ist das nahezu unmöglich. Eher kann gesagt werden, daß ich immerzu an einem solchen Ort war, wo ständig künstlerische Bilder geschaffen wurden. Und zur gleichen Zeit habe ich, wie die meisten jungen Menschen, versucht, meine Themen und Methoden von denen meiner Eltern abzusetzen, wie es so in den Tagen des jugendlichen Maximalismus geschieht.

ART DEPESCHE: Es scheint mir, daß Ihre Idee von Farben der Ihres Vaters direkt folgt, insbesondere bei den reichen und variierten Grüntönen ...

EGOROV: Es ist schwer für mich, zu sagen, woher die farblichen Vorlieben kommen. Möglicherweise habe ich den ursprünglichen Impuls wirklich von meinem Vater erhalten. Er hat der Komplexität der Farben in den Bäumen viel Aufmerksamkeit gewidmet.

ART DEPESCHE: Sie stammen aus Gomel, aber leben in Minsk. Ist Minsk eine gute Stadt für Künstler?

EGOROV: Es war für Künstler in unserem Land nie einfach.

ART DEPESCHE: Sind Sie in der belarussischen Kunstszene sehr aktiv? Wie hat diese sich in den letzten Jahren entwickelt?

EGOROV: Ich nehme an den periodischen Kunstausstellungen der Republik teil. Dieses Jahr ist das 42te seit meiner ersten Ausstellung; ich habe mein eigenes Publikum und bin diesem dankbar für seine Unterstützung in diesen schwierigen Zeiten. Meine Arbeit erfordert Zurückgezogenheit und Konzentration, ich widme all meine Zeit der Malerei und meiner Familie.

ART DEPESCHE: Kommen wir nun wieder zur Gegenwart ... Das letzte Mal, daß wir gesprochen haben, war 2016. Was ist seit dieser Zeit in der „Kunstwelt Egorovs“ geschehen? Was waren die wichtigsten Ereignisse in Ihrer Karriere als Künstler?

EGOROV: In jüngster Zeit habe ich meine Landschaftstechnik komplexer gemacht und Fantasien, Assoziationen, Elemente früher Geschichte in die Landschaft eingefügt. Ich war interessiert und fasziniert von der Geschichte des Altertums und Artefakten von vor 13.000 bis etwa 3.300 Jahren. Es gibt absolut mysteriöse und widersprüchliche archäologische Fundstücke aus jener Zeit. Dies ist sicher ein eigenes Thema zur Diskussion.

Fortsetzung folgt.

 

Verweise:

https://art-depesche.de/malerei/140-igor-egorov-–-mystische-landschaften-und-surreale-traumwelten.html
https://www.youtube.com/watch?v=9lcV5R8j61o
https://www.igoregorov.art/
https://www.saatchiart.com/igoregorov
http://www.worldvirtualmuseum.com/igor-egorov/
https://www.facebook.com/IgorEgorovArtist/
https://www.facebook.com/ValentinEgorovMariaEgorovaArtists/?pnref=story

Welten ohne Zeit – Igor Egorov im Interview, Teil 1 https://art-depesche.de/images/2022/0414/The_Nightingale_Dusk.jpg Ruedi Strese