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Igor Egorov „Chamber of Secrets“ (Öl auf Leinwand, 2021, 68 cm x 68 cm)

Berlin – Heute nun die Fortsetzung unseres Austauschs mit Igor Egorov, einem fantastischen Künstler aus Weißrußland. Hier geht es zum ersten Teil:

https://art-depesche.de/interview/871-welten-ohne-zeit-–-igor-egorov-im-interview,-teil-1.html

ART DEPESCHE: Sie malen vor allem Landschaften, manche erscheinen wie purer Realismus, andere von eher fantastischer Art, obgleich gemalt, als seien sie real. Und manche gibt es, da war ich mir nicht sicher: Existiert deser Ort oder nicht? Wieviel ist von wirklichen Orten inspiriert, und wieviel entspringt Ihrer Vorstellungskraft?

EGOROV: Ja, einige Landschaften entsprechen den wirklichen. Doch dies sind nur einige wenige Landschaften. Man kann sagen, daß ich in meiner Welt umherreise, wo all dies existiert. Um die Eindrücke dieser Welt so genau wie möglich zu vermitteln, nutze ich alle mir bekannten Fertigkeiten und Techniken der Malerei. Wenn wir uns an Roger Zelaznys „Die Chroniken von Amber“ erinnern, können wir dort die akkuratesten Beschreibungen dieser Landschaften finden. Ich reise durch mögliche Realitäten und wähle jene, die ich mag. Das Wichtigste ist, diese Wirklichkeiten so detailliert wie möglich darzubieten. Mache deine Welt realistischer als die dich umgebende Wirklichkeit ...

ART DEPESCHE: Etwas allgemeiner: Wie können wir uns den Schöpfungsprozeß eines Igor-Egorov-Gemäldes vorstellen?

EGOROV: Dieser Prozeß geschieht nahezu augenblicklich. Man sieht alles in einem Moment. Dann ,poliert’ man dieses geistige Bild lediglich mit der Hilfe von Fertigkeiten. Komponiere das Bild, um Überschuß zu verhindern, fokussiere dich auf die Hauptsache, und dann beginne, an der Leinwand zu arbeiten. Und dann, während des Arbeitsprozesses, nutzt du die Maltechniken, um den Effekt der Gegenwart in diesem Bild zu verstärken. Alles andere hängt von der inneren Welt des Betrachters selbst ab. Ein Betrachter sieht die Blätter der Wasserlilien auf dem Wasser und eine angenehme Farbe, während der andere Leben sieht, welches überhaupt nicht aus materiellen Objekten besteht, sondern aus Empfindungen und Vorstellung. Und er kann sehen, was ich nicht sehe.

ART DEPESCHE: Ihr Vater hat Sie in jungen Jahren die Freilichtmalerei gelehrt. Gehen Sie immer noch gelegentlich zum Malen ins Freie?

EGOROV: Ich arbeite nicht mehr im Freien. Ich laufe nur und merke mir die Einzelheiten, welche ich benötige; wie der Nebel aussieht, wie der Himmel im Wasser gespiegelt wird und andere verläßliche Einzelheiten.

ART DEPESCHE: Gibt es Ihnen wichtige Orte, die Sie immer wieder besuchen, um Inspiration zu gewinnen?

EGOROV: Für Inspiration muß ich keine Orte besuchen, alles ist in meinem Gedächtnis und meiner eigenen Welt. Alles, was es bedarf, ist etwas Zeit, um mit einer Tasse Kaffee zu sitzen und zu träumen. Oder sich vielleicht an eine sehr, sehr ferne Vergangenheit zu erinnern.

ART DEPESCHE: Ihre jüngsten Arbeiten zeigen einen kleinen Richtungswechsel. Während Sie Ihrem Individualstil eindeutig treu bleiben, haben Sie einige Elemente hinzugefügt, die etwas von Steampunk haben, Sie mischen dabei das Uralte und Mystische mit einigen technischen und sogar SciFi-Elementen ...

EGOROV: In meinen neuen Arbeiten nutze ich figürliche Assoziationen dieser fernen, vergessenen Vergangenheit, welche unsere bekannte Welt hervorgebracht hat. Sie können dies Fantasiemalerei nennen, aber vielleicht ist es immer noch eine Dokumentation. Während meines ganzen schöpferischen Lebens habe ich die Linie der realistischen Landschaft parallel zu einer zweiten Linie verfolgt: fantastischem, allegorischem Realismus, welcher meinem Interesse am Surrealismus entstammt. Diese beiden Linien kreuzen sich und bereichern einander.

ART DEPESCHE: Auch die Verwendung des Lichtes hat sich ein wenig geändert, es gibt nunmehr funkelnde Lichter sowohl technischen als auch anscheinend natürlichen Ursprungs, welche den Beobachter direkt um Aufmerksamkeit bitten.

EGOROV: Ja, Lichter sind ein wichtiges Detail. Wobei ich über den Grund ihres Auftauchens in meinen Bildern nichts sagen kann. Einfach, weil es zu fantastisch erscheinen könnte. Doch war dies in der Vergangenheit und ist nun Gegenwart in der realen Welt.

ART DEPESCHE: Ich erinnere mich, daß Sie einmal geschrieben hatten, daß, neben den großen Surrealisten, Andrew Wyeth eine große Inspiration für Sie war, und, wenn ich die Bilder vergleiche, sehe ich einen verwandten Geist. Obgleich Wyeth ein purer Realist ist, erscheinen mir die Präzision und die einsame Atmosphäre irgendwie verwandt ...

EGOROV: Sie haben Recht, Andrew Wyeth ist wichtiger für mich als irgendein Surrealist. Einfallsreich wie selbst Dalí. Vielleicht hat mich die „katholische Periode“ in Dalís Arbeit genauso beeinflußt wie Wyeth. Ich hatte Glück; einmal konnten meine Frau und ich eine Ausstellung der Wyeth-Familie besuchen. Das waren drei Generationen von Wyeth-Künstlern. Diese Gemälde und Grafiken mit den eigenen Augen zu sehen und nicht auf dem Bildschirm, ist etwa das Gleiche, wie eine Orgel in der Kirche statt auf dem MP3-Spieler zu hören. Einsamkeit in der Welt von Andrew Wyeth: Je näher man in der Kunst seinem Ideal kommt, desto mehr Einsamkeit umgibt einen. Das liegt an der größeren Übereinstimmung zwischen Form und Inhalt deiner Gemälde und deiner inneren Welt. Diese Welt ist definitiv nur deine. Sie paßt zu keinem anderen. Vielleicht ist dies eine universelle Regel in der Kunst, und ich habe sie selbst zu erfahren. Deshalb sind die Werke mehr und mehr mit Einsamkeit durchsetzt.

ART DEPESCHE: Insbesondere wenn man Ihre Stilleben anschaut, kann man vermuten, daß Sie die alten holländischen Meister aufmerksam studiert haben. Ist das zutreffend? Wer ist Ihr Favorit unter den alten Meistern?

EGOROV: Stilleben sind das, was meine Eltern mich gelehrt haben. Sie wählten die besten Beispiele aus der Kunstgeschichte und boten an, nicht schlechter als auf diesem Niveau zu arbeiten. Andernfalls hat es keinen Sinn, in diesem Genre zu arbeiten. Wie weit ich diesen Erfordernissen folgen kann – wir werden es in der Zukunft sehen. Wobei ich immer noch lerne. Ich denke, die bedeutendsten Meister des Stillebens in der Kunstgeschichte sind Vermeer, Heda, Pieter Claesz. Und natürlich die spanische Schule des Stillebens, Bodégon.

ART DEPESCHE: Die Namen einiger Maler ... Giorgio de Chirico, Hieronymus Bosch, Edward Hopper, Zdzisław Beksiński, Léon Bakst, Franz Marc, Konstantin Korowin.

EGOROV: Von dieser Liste von Ihnen vorgeschlagener Künstler, würde ich Zdzisław Beksiński bevorzugen. Seine Bilder lassen keinen Raum für Worte. Das ist genau dann der Fall, wenn das Bild nicht durch Worte ersetzt werden kann. Ansonsten wäre es eine andere Art von Kunst – Literatur. Vielleicht ist es wieder mit dem Hören von Orgelmusik in der Kirche zu vergleichen. Zuerst spürt man die Wirkung der Steinplatten des Bodens in den Beinen, dann trifft einen die Kraft der Klangwellen in der Brust, und einen Moment später hört man den Klang, welcher diese Empfindungen im ganzen Körper ausgelöst hat. Und dann beginnt die Magie der Musik selbst ... Ich würde Vermeer van Delft, Raimundo de Madrazo, Richard Schmidt und Velazquez zu dieser Liste hinzufügen. Das sind die Künstler, zu denen ich nichts sagen kann. Ich kann mich nur still und bewundernd in ihre Schöpferkraft einfühlen. Aber natürlich möchte ich niemandem meine Sichtweise aufdrängen.

ART DEPESCHE: Nun die beiden letzten und sehr gewöhnlichen Fragen ... gibt es bereits einen Katalog Ihrer Arbeiten?

EGOROV: Ich habe irgendwie nicht darüber nachgedacht, einen Katalog herauszubringen. Alles, was meiner Meinung nach dem Betrachter gezeigt werden kann, habe ich auf meiner Netzseite geteilt, und auf der Facebook-Seite „EGOROV IGOR ARTIST“. Dieser Katalog ist irgendwie monumental, wie eine Zusammenfassung meines Lebens.

ART DEPESCHE: Und zuletzt ... was sind Ihre Pläne für die nächste Zukunft?

EGOROV: Es gibt eine Redewendung „Wenn du einen Witz für Gott machen möchtest – erzähle ihm von deinen Plänen!“ Ich werde einfach meinen Weg gehen und es geschehen lassen, wie es geschieht.

ART DEPESCHE: Herr Egorov, vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Alles Gute für Sie und Ihre Arbeit!

 

 

Verweise:

https://art-depesche.de/malerei/140-igor-egorov-–-mystische-landschaften-und-surreale-traumwelten.html
https://www.youtube.com/watch?v=9lcV5R8j61o
https://www.igoregorov.art/
https://www.saatchiart.com/igoregorov
http://www.worldvirtualmuseum.com/igor-egorov/
https://www.facebook.com/IgorEgorovArtist/
https://www.facebook.com/ValentinEgorovMariaEgorovaArtists/?pnref=story

Welten ohne Zeit – Igor Egorov im Interview, Teil 2 https://art-depesche.de/images/2022/0419/Chamber_of_Secrets.jpg Ruedi Strese