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Literatur

Das Glöckchen (Quelle: ART DEPESCHE)

Berlin - Ich war es nicht gewesen… ich kann es nicht gewesen sein. Wie sollte ich das getan haben? Der Mann lag dort, fest zwischen Lehne und Sitzfläche einer Parkbank geklemmt, die Haut war ihm teilweise vom Körper gerissen worden. Ich kannte ihn nicht. Und doch, je mehr ich von der Wirklichkeit dieser Situation überzeugt war, desto sicherer war ich mir, ich müßte irgend etwas mit diesem seltsamen Todesfall zu tun haben. Woher sonst sollte das Blut an meinen Händen und meiner Kleidung stammen? War da nicht dieser seltsame Traum gewesen? Ting, ting, ting… das Geräusch einer winzigen Glocke, wie sie manchmal an den Christbäumen hängen, war aus weiter Ferne zu hören… aus weiter Ferne… in meinem Kopf… aus ferner Vergangenheit…

"Flechten" (Quelle: Thu Ngan, April 2015)

Berlin - Ich saß, wie schon oft, am Ufer des Sees und warf Pflastersteine, schöne, perfekt kubische Gebilde, die exakt mit einer ihrer quadratischen Seiten auf der spiegelglatten Wasseroberfläche aufschlugen, so wunderbar beherrschte ich die Kunst des Steineschmeißens! Was mich indes ärgerte, waren die Kreise, welche mit dem Eintritt in das Wasser von den geometrischen Gegenständen ausgingen. Sollten es nicht besser Quadrate sein? Ich dachte lange darüber nach und übte fleißig, irgendwann hatte ich es selbstverständlich gelernt, sich quadratisch ausbreitende Wellen zu erzeugen. In Folge beschäftigte ich mich ausführlich mit vergleichbaren Übungen komplexerer Natur; ich warf Gebilde verschiedenst gestalteter Oberflächen in das Wasser und erzeugte entsprechende Wellenmuster. Nachdem ich so weit gekommen war, beschloß ich, dieses Kapitel meines Lebens als abgeschlossen zu betrachten.

Zürich -  Einen blauen Overall hat der blondhaarige junge Mann an und braune Arbeitsschuhe, mit denen er geräuschvoll auftritt. Immer wieder blickt er auf sein Handy, dessen Navigationsapplikation gerade von ihm benutzt wird, um sein Ziel zu finden. Auf einmal erscheint vor ihm ein gigantisches Fabrikgelände in dem hohe Türme stehen, die schwarze Wolken in den Himmel ausstoßen. Nun packt er sein Handy ganz weg, da er bereits eine große Tafel mit dem Logo der Firma entdeckt hat, für welche er ab diesem Tag arbeiten wird. Wenige Augenblicke später ist er auch schon beim Eingangsbereich angelangt, wo ein Wachmann in einem Häuschen sowohl das große Portal als auch die Eingangstüre für das Personal überwacht.

Der Himmelsschlüssel (Quelle: ART Depesche)

Berlin - Nicht ganz uneigennützig hatte sich die Biene auf dem Himmelsschlüssel niedergelassen. Dieser jedoch, aus unerfindlichen Gründen eines Tages zu einem wohl überaus originellen Glauben gelangt, wandte sich dem Insekt gierig zu, denn er fand nun, daß das Vergnügen doch im Allgemeinen über den Zweck zu stellen sei. Die Biene schaute zuerst ratlos ob dieses befremdlichen Verhaltens, plötzlich jedoch, verstehend, flog sie überstürzt davon und setzte sich auf einem Kiefernzweig nieder.

Quelle: Uwe Nolte, www.noltex.de

Innsbruck - Bekannt geworden ist der Merseburger Uwe Nolte, Jahrgang 1969, vor allem durch sein musikalisches Schaffen in der Neofolk- und Dark Wave-Szene. Projekte wie Sonnentau, Orplid und Barditus gehören für Eingeweihte nicht zu den geringsten Namen. Insbesondere in Rußland konnte er auch mit stimmungsvollen graphischen Arbeiten einige Erfolge erzielen. Zudem kann er jedoch auf ein umfassendes dichterisches Werk verweisen. Zwei Gedichtbände sind bereits erschienen, zuerst „Orplid, mein Land“ (2012) und im vergangenen Jahr „Wilder Kaiser“.

Quelle: ART DEPESCHE

Berlin - Die Wasseroberfläche glänzte wie geschmolzenes Blei. Stundenlang hatte ich sie angestarrt, war kleinsten Bewegungen gefolgt und hatte mich über gelegentliches Treibgut, welches das Bild störte, halb geärgert, halb amüsiert. Wie in Trance war ich in Gedanken auf den leichten Wellen mitgeschwommen; Passanten mögen irgendetwas gedacht haben.