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Fledgling C. m. spermologus in southern England. | Quelle: en.wikipedia.org | Andrew Gray | CC BY-SA 3.0

Berlin - Der alte Mann saß auf dem Gehweg und starrte vor sich auf den Boden. Ein Passant passierte ihn mittels eines Fleischwolfs, doch schnell hatte er zu seinem vorherigen Zustand zurückgefunden, lachte hämisch und kratzte sich mit dem Fingernagel den Belag von den betlgeschwärzten Zähnen. Ein paar Schritte weiter zankte sich eine Schar Dohlen um einen unförmigen, übelriechenden Klumpen. Es mag ein Stück Fisch oder Fleisch gewesen sein, doch Schmutz und Staub, die sich darum angesammelt hatten, machten die genauere Identifikation unmöglich – abgesehen davon, daß sich die Frage stellen dürfte, wem ein derartiger Klumpen nun überhaupt interessant erscheinen könnte. Das lautstarke Zanken der Dohlen beeindruckte den alten Mann wenig, lediglich, wenn die Vögel ihm zu nahe kamen, scheuchte er sie mit einer raschen Handbewegung davon.

Ein Mädchen, nennen wir es Elisa, kam vorbei. Elisa war wohl etwa zwanzig Jahre alt; ihr langes, schwarzes Haar hatte sie ordentlich zu einem Zopf geflochten, ihre Schritte waren anmutig und ihr Lächeln zauberhaft wie jenes der Elfen, welche in der Morgendämmerung die Tautropfen von den Blüten der Waldvögelein sammeln und sie hoch in die Wolken tragen, um daraus Regenbogen zu bauen und das uralte Band zwischen Himmel und Erde immer und immer wieder zu verjüngen. Ein weißer Vogel saß auf ihrer Schulter und sang ein sonderbares Lied, welches auf wundervolle Weise ihre Bewegungen zu beschreiben schien. Sie betrat eines der nahegelegenen Geschäfte und war nicht mehr zu sehen.
Der alte Mann hustete und spuckte etwas in den Staub, es war ein Klumpen, etwa so groß wie das vorherige Streitobjekt der Dohlen, sicher ein Stück Lunge oder dergleichen. Er kippte zur Seite, hustete noch einige Male, und ein Schwall von Blut und Innereien schoß wie ein Geysir aus seinem Mund. Er blieb reglos liegen, nur ein leises Röcheln war noch kurz zu vernehmen. Die Dohlen näherten sich kreischend, blieben jedoch ein kurzes Stück vor dem Mann stehen. Als sie sich aber versichert hatten, daß er sie nun nicht mehr verscheuchen würde, fielen sie über ihn her, hackten leidenschaftlich in seinem ausdruckslosen Gesicht herum und verschlangen einen Brocken nach dem anderen.
Elisa kam aus dem Geschäft, und der weiße Vogel flatterte verstört, als wäre ihm der unharmonische Charakter der ganzen Situation bewußt, und Elisa erschrak, als sie den zerfledderten Greis vor ihren Füßen sah, der sich nicht bewegte, nichts von sich gab, nichts. Seine Lippen waren von den gierigen Dohlen abgefressen, und so schien sein Mund ein grauenvolles Grinsen zu bilden. Die schwarzen Vögel saßen um ihn herum, satt und träge, dem einen hing noch ein Auge aus dem Schnabel. Doch was war das? Elisa traute ihren Augen nicht. Der Mann zuckte und begann, sich langsam zu erheben. Das Mädchen wurde vor Schrecken totenblaß, sie zitterte am ganzen Körper, und selbst ihre Schreie blieben angsterfüllt in ihrer Brust. Der Mann näherte sich schwankend; als er ganz dicht bei ihr war, hob er seine bluttriefende Hand auf ihre Schulter und sprach durch einen Dunst aus Blut und Alkohol: “Watt glotzte?” Elisa schrie aus Leibeskräften und rannte fort, so schnell sie konnte, bis sie vollkommen erschöpft an ihrem Haus anlangte. Der Hausmeister, Herr Wuttke, kam ihr entgegen und sah sie besorgt an: “Wie siehst du denn aus? Jabs Streß an den Schule?” Eine Dohle saß auf seinen Schultern, er gab ihr einen Keks. Nicht erwähnt hatte ich bisher, daß Herr Wuttke und der blutüberströmte alte Mann von vorhin identisch waren. “Ach, Sie waren's nur, Herr Wuttke!” sprach Elisa erleichtert. Von dem alten Kauz war man ja Einiges gewöhnt, einmal hatte er den Flur mit einem Besen gestrichen.

Die Dohlen - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/Corvus_monedula_fledgling_2_1024px.jpg Ruedi Strese