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Sandwüste in Marokko | Quelle: de.wikipedia.org | Rosa Cabecinhas and Alcino Cunha - Flickr | CC BY-SA 2.0
Berlin - Er besah sich im Spiegel und fand sich unerträglich alt. Seine Haut war ganz trocken und hing faltig an ihm herab. „Ich werde auf die Straße gehen und mit diesen Hautlappen Pfützen aufwischen“ dachte er sich und trat kurz darauf vor die Tür.
Auf der Straße standen Personen verschiedenen Alters und Geschlechts herum und schauten in die Leere. Gerade war ein Regenschauer vorübergegangen, deshalb waren die Pfützen noch frisch; er wußte dies und wollte die Situation nutzen.
Er war nur mit einer Badehose bekleidet, lächerlich schienen ihm die anderen, welche in Mänteln und Winterjacken die Luft der Stadt mit ihm teilten, wo der Frost noch weit entfernt war. Er beugte sich vorsichtig herab, in einer Pfütze schillerte Motorenöl, bildete Ellipsen, Schleifen, Blumen. Er lachte, als er sich entgegenblickte. Diese Pfütze mußte er einfach aufwischen. Verstohlen sah er um sich, ob ihn nicht doch jemand beachtete, doch die Menschen waren zum Glück zu Stein geworden. Oh, wie sich die Haut wieder mit Flüssigkeit füllte, wie sie vom Motorenöl glänzte!

Er ging zurück zu seiner Wohnung im Erdgeschoß und sah aus dem Fenster. Es kam Bewegung in die Welt, und er beugte sich in einer seltsamen Verdrehung hinter sich, wobei er mit seinen kraftvollen Blicken Löcher in seinen Körper hineinstarrte, durch welche er den Kopf steckte und es recht bequem hatte, wie er so hinaussah.
War das nicht verrückt, wie die Welt dort draußen immer neue Wege fand, um sich vor seinem Fenster wie toll zu gebärden, und immer, wenn er hinausging, stehenzubleiben? Er war nun der aufgesogenen Pfütze überdrüssig und ging ins Bad, um sich über der Badewanne auszuwringen.

Wenige Minuten später bereute er dies jedoch schon, denn wieder hatte er alle Jugend und Kraft verloren, doch der Blick aus dem Fenster sagte ihm, daß sich alles geändert hatte, nun war aus der Stadt eine Wüste geworden. Und niemand war dort, weit und breit nichts als Sand. Wie sollte er noch wissen, ob die Menschen seinetwegen noch aufhörten, sich zu bewegen? Nichts anderes blieb ihm, als es erneut auf einen Versuch ankommen zu lassen.  
Wenig später stand er wieder vor seiner Haustür; auch jetzt war nirgendwo menschliches Leben zu sehen, doch mußte er es finden, um sich zu vergewissern. Allerdings kamen ihm Zweifel ob der endlos scheinenden, öd gewordenen Welt, welche sich noch verstärkten, als er sich zu dem Haus umdrehte, in welchem er gelebt und aus dem er so oft die Welt betrachtet hatte.
Doch er wußte, es war zu spät. Kein Weg führte zurück, er sah davon ab, es zu versuchen. Keinen Zweifel hatte er, daß die sichere Pforte ihm versperrt bliebe. So faßte er sich ein Herz und lief. Er lief viele, viele Jahre durch die karge Weite, die nur aus Sand bestand, und nur seine Frage hielt ihn am Leben.

Dann fiel er über einen Stein. Es war die erste Abwechslung, die ihm in den Jahren seiner Wanderschaft begegnet war. Ein Stein. Der Fuß schmerzte ihm, und er merkte plötzlich, wie erschöft er war. Erst nach einiger Zeit beschloß er, sich wieder aufzurichten, und als er emporblickte, spielte dort ein kleines blondes Mädchen mit einem hellblauen Drachen, der sich kaum vom Himmel abhob. Nun also hatte er seine Antwort.  Das Mädchen sah ihn neugierig an, lachte – und von ihm blieb nichts als ein Stein, umgeben von einem Sandmeer.
Der Alte am Fenster - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/Morocco_Africa_Flickr_Rosino_December_2005_84514010_edited_by_Buchling_1024px.jpg Ruedi Strese