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Schneekristalle wachsen am Strauch. | Quelle: de.wikipedia.org | Thomas Fitze | CC BY-SA 3.0

Berlin - Es war ein Tag im frühen Dezember. Ich hatte gerade meine Tochter vom Kindergarten abgeholt, wir waren in der Wohnung angekommen und ich half ihr, die Schuhe auszuziehen.

„Papi, schau mal, was ich hier habe! Das ist ein richtiger Edelstein.”
Sie zeigte mir eine rote Glaskugel.
„Nein,” meinte ich „das ist eine Glasmurmel. Wo hast du die eigentlich her?“
„Die habe ich im Kindergarten gefunden.“
Ich hatte diese Murmeln im Spielraum ihrer Gruppe bereits gesehen.
„Ich glaube nicht, daß du die mitnehmen solltest. Die gehört dem Kindergarten, und wenn du sie einfach mitnimmst, hast du sie geklaut. Du bringst sie morgen wieder zurück.“
„Aber ich will die doch haben.“
„Nein, es wird nicht geklaut! Du bringst sie morgen zurück, und keine Widerrede. Leg sie einfach dahin, wo du sie herhast, und dann ist es gut.“
Meine Tochter war sichtlich enttäuscht, aber am nächsten Tag legte sie die Murmel wieder zu den übrigen in die Kiste.
Nun, ich dachte, ich könnte es damit bewenden lassen, aber einige Tage später zeigte sie mir auf dem Heimweg ihren neuesten Schatz.
„Guck mal, Papa. Ein Edelstein, den habe ich gefunden.“
Es war eine grüne Glasmurmel. 
„Wo hast du den diesmal gefunden?“ seufzte ich.
„Im Kindergarten.“
„Hatten wir darüber nicht schon gesprochen?“
Natürlich mußte meine Tochter die Murmel zu ihrem Leidwesen am nächsten Tag wieder in die Kiste zurücklegen, wobei ich allerdings darauf achtete, daß dies nicht unter den Blicken der anderen Kinder geschehe, um ihr somit eine peinliche Situation zu ersparen.
Leider war die Geschichte damit noch nicht durchgestanden, denn als ich am Wochenende die Kleidung der Kleinen in die Waschmaschine stopfte, fiel aus der Tasche ihrer Jacke eine gelbe Glasmurmel. Ich zitierte sie augenblicklich herbei und gab ihr deutlich zu verstehen, daß ich es in Zukunft bei neuerlichen Diebstählen nicht mehr bei Ermahnungen bewenden ließe. Sie sollte nicht auf die Idee kommen, das Klauen als legitimen Weg zu sehen, in den Besitz einer Sache zu gelangen. Ich mußte wohl ziemlich heftig geschimpft haben, denn plötzlich begann sie zu weinen, daß ich nicht länger böse sein konnte und sie rasch in die Arme schloß.
„Süße, Du weißt doch, daß das nicht geht. Aber weißt du was? Es ist doch bald Weihnachten, und wenn Du ganz lieb bist, redet der Papa einmal mit dem Weihnachtsmann. Machen wir das so?“
Sie nickte, und ich drückte sie noch ein Weilchen, bis sie sich wieder beruhigt hatte, dann spielten wir in bestem Einvernehmen einige Runden Memory.
 
Gleich am folgenden Montag besuchte ich einen Spielzeugladen. Glasmurmeln, wie meine Tochter sie wünschte, waren indes nicht zu finden. Aber es waren ja noch zwei, drei Wochen Zeit bis Heiligabend.
Die zwei, drei Wochen vergingen wie im Fluge. Meine Tochter war die ganze Zeit das denkbar liebste Kind gewesen, und am Abend des dreiundzwanzigsten Dezember saßen wir gemütlich beisammen und herzten uns in größter Freude.
„Papa, wenn morgen der Weihnachtsmann kommt, bringt er mir dann einen Edelstein?“
„Ja...“ sagte ich „das weiß nur der Weihnachtsmann – da mußt du schon bis morgen warten.“
Mir wurde ganz seltsam zumute. Ich hatte die Murmeln ganz vergessen und morgen war schon Heiligabend... ausgerechnet an einem Sonntag, sämtliche Geschäfte würden geschlossen sein.
Ich wartete, bis meine Tochter eingeschlafen war, und mit schlechtem Gewissen und Brecheisen machte ich mich auf den Weg zum Kindergarten...

Weihnachtsgeschichte - eine Kurzerzählung von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/Schneekristalle_wachsen_am_Strauch.jpg Ruedi Strese