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Berlin - Ich trat aus der Bahn und ging bis zum Ende des Bahnsteigs, wo eine Treppe zur Brücke über den Fluß führte. Jeden Wochentag ging ich diesen Weg und rechnete nun damit, gleich eine bekannte Melodie zu hören, denn Morgen für Morgen saß eine Alte auf der Brücke, im Winter eingehüllt in warme Decken, im Sommer in einem dünnen Blumenkleid, und spielte auf ihrem Schifferklavier, immer wieder die selben vier Takte, in endloser Wiederholung.

Die Stufen hinab herrschte Gedränge, eine junge Frau wurde von einem schnell vorbeieilenden Herrn mit Schiebermütze angerempelt und empörte sich lautstark. Ich hatte es nicht ganz so eilig - hatte zwar auch ein Ziel, doch lag gut in der Zeit. 
Die Alte saß dort und spielte ihre vier Takte, ohne jede Abwechslung, eine Art schwammigen Turbowalzer, ich schwankte zwischen Abscheu und Bewunderung. War das Abstumpfung oder eine Art Meditation, oder vielleicht etwas von beidem?
Unvermeidlich führte mich mein Weg an ihr vorbei, dann stutzte ich plötzlich. War es diesmal gar nicht diese Frau, die dort saß? Mir war, als hätte ich im Vorübergehen flüchtig in das von Narben enstellte Gesicht eines Mannes geschaut, ein Gesicht, das ich irgendwoher kannte, aus einer sehr fernen Erinnerung. Ich drehte mich zurück, doch es gab keinen Zweifel. Es war eine Frau, und zwar die selbe wie immer. Vermutlich hatte ich nicht ausreichend geschlafen.
Der folgende Tag auf der Arbeit war von schnöder Alltäglichkeit geprägt, was bedeutete, daß ich hinter dem Tresen des Lokals stand, Gläser spülte, Getränke eingoß, dann und wann widerwillig lächelte. Ich will mich jetzt nicht als ausgesucht unfreundlich darstellen – sonst hätte ich diese Stelle nicht bekommen – aber die Müdigkeit machte mir doch zu schaffen, so, daß ich froh war, als ich die Schicht geschafft hatte und mich endlich auf den Heimweg machen konnte.
Wieder über die Brücke, vorbei an der Alten. Diesmal ging ich langsamer als sonst und schaute genau hin. Sie war es, wer sonst. Eigentlich muß meine Art zu schauen etwas arg Unhöfliches gehabt haben, als betrachtete ich ein seltsames Tier im Käfig, und natürlich registrierte sie es. Sie antwortete mit einem Lächeln, in dem sich Dumpfheit, Unterwürfigkeit und Hochmut auf seltsame Art verbanden, oder hatte Harald mich erkannt?
Harald? Wie kam ich jetzt auf Harald? Ich kannte keinen Harald. Schon gar keinen, der als Bettlerin mit Schifferklavier auf einer Brücke saß. Was für ein Unsinn...
Nach der üblichen halben Wegstunde gelangte ich in meiner Wohnung an. Schnell noch die Post geholt und rein in die Stube. Da waren ein paar Rechnungen, die ich besser endlich bezahlen sollte, Werbung von einer Münzhandlung, von einem Anwaltsbüro. Was habe ich mit denen zu schaffen? Dann eine Postkarte. Sie war uralt und zeigte das Meer, irgendein Meer. Sowas wie „Mallorca“ oder „Grüße von der Nordsee“ oder so stand da nicht. Ich drehte sie um, wer schickte mir sowas? Da stand tatsächlich meine Adresse in einer mir unbekannten Schrift, aber kein Text. Verwundert starrte ich auf das weiße Feld. „Grüße von Harald.“ Was hatte ich gerade gelesen? Da stand doch gar nichts. Schon wieder... ich sollte weniger arbeiten und mehr schlafen, notfalls auch mal zum Arzt gehen...
Gegen 23 Uhr fiel ich in einen unruhigen Schlaf. Irgendwann hatte ich das Gefühl, mein Bett würde schwanken, schaukeln. Wachte ich oder träumte ich? Ich hörte einen Ruf. 
„Verdammt, wach auf! Der Kahn säuft ab!“
Harald stand neben mir und gestikulierte wild.
„Zieh die Jacke aus. Wir müssen das Leck stopfen!“
Widerwillig kam ich der Aufforderung nach. Ich hatte sie kaum abgestreift, da riß Harald sie mir schon aus den Händen und ich sah endlich, was los war. Direkt unter der vorderen Bank strömte Wasser ein, ich war schlagartig wach. Harald hatte es zum Glück schnell geschafft, danach half ich ihm beim Ausschöpfen des bereits in unser kleines Boot gelangten Wassers. Nach einer guten Viertelstunde war es geschafft, und wir setzten uns auf die Bank.
„Verdammt...“
Dann fiel es mir auch auf, doch bevor ich etwas sagen konnte, sprach er weiter.
„Die Ruder sind weg. Der Proviant ist fast alle. Keine Ahnung, wie der Wind die nächsten Tage gelaunt sein wird.“
Es war nur eine kurze Bewegung gewesen. Am Boot vorbei floß eine rote Farbspur durch das Wasser. Ich atmete schwer und starrte vor mich hin. Dann warf ich den Hammer über Bord.

Ich erwachte. Draußen war es bereits hell. Mir war übel. Als ich durch den Flur lief, hatte ich das Gefühl, mich auf einem schwankenden Kahn zu befinden, der Boden unter meinen Füßen war unsicher geworden. Ich ging ins Bad und sah in den Spiegel. Eine alte Frau lächelte mir entgegen, dumpf, unterwürfig und hochmütig.
Ich nahm mein Schifferklavier und ging zu meiner Arbeitsstätte auf der Brücke, die hinter der Treppe aus dem Bahnhof über den Fluß führte.

Schifferklavier - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/water-768745_960_720_1024px.jpg Ruedi Strese