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Berlin - Ich war es nicht gewesen… ich kann es nicht gewesen sein. Wie sollte ich das getan haben? Der Mann lag dort, fest zwischen Lehne und Sitzfläche einer Parkbank geklemmt, die Haut war ihm teilweise vom Körper gerissen worden. Ich kannte ihn nicht. Und doch, je mehr ich von der Wirklichkeit dieser Situation überzeugt war, desto sicherer war ich mir, ich müßte irgend etwas mit diesem seltsamen Todesfall zu tun haben. Woher sonst sollte das Blut an meinen Händen und meiner Kleidung stammen? War da nicht dieser seltsame Traum gewesen? Ting, ting, ting… das Geräusch einer winzigen Glocke, wie sie manchmal an den Christbäumen hängen, war aus weiter Ferne zu hören… aus weiter Ferne… in meinem Kopf… aus ferner Vergangenheit…

Nacht. Ting, ting, ting. Wieder konnte ich nicht schlafen. Ich war völlig erschöpft ins Bett gefallen und hatte doch keine Ruhe gefunden. Ohne die Augen zu schließen, war ich wieder in diesen einen Traum gefallen, diesen Traum… Traum? Meine Haut war mir plötzlich rauh vorgekommen, ich hatte alles viel deutlicher als sonst gehört, hörte meinen eigenen Atem wie einen Sturm. Plötzlich Stille. Schwarz. Als ich am nächsten Morgen zu mir kam, war mein Bettzeug zerrissen.

Ich lief den kleinen Weg entlang. Schneekristalle funkelten im Licht der ersten Sonnenstrahlen, winzige Äste knackten. Es würde ein schöner Tag werden. Kinder rodeln, Verliebte bewerfen sich mit Schneebällen. Ich wollte zum Markt. Sicherlich. Warum so früh? Kaum hatte ich mir die Frage gestellt, war da etwas, was mir weitere Überlegungen dazu unmöglich machte… eine Art Gedankensperre, es ging einfach nicht weiter. Je mehr ich versuchte, mich auf diesen Gedanken zu konzentrieren, desto wirrer wüteten die Bruchstücke von Sätzen und Bildern in meinem Kopf, bis sich alles aufzulösen schien. Nichts. Ich fühlte mich auf einmal wie ausgelöscht, etwas gleichzeitig aus meiner Tiefe Kommendes und doch Fremdes lenkte meine Schritte.

Auf dem Marktplatz stand ein einziger alter Holzwagen, welcher über eine Art Verkaufstisch verfügte. Der Verkäufer, ein Mann mittleren Alters, doch mit deutlichen Zeichen frühzeitigen Verfalls und gierigem Blick, stand daneben. Es gab dort nichts, und der Verkäufer pries es einem blöd starrenden Publikum mit großen Gesten. Ein junger Mann näherte sich der Szene, sein Äußeres war ungepflegt und wild, er schob die Gaffer zur Seite und legte dem Verkäufer einen Schein auf den Tisch. Dieser holte ein kleines goldenes Glöckchen aus einer Kiste, welche er gerade mit langen Armen tief aus der Erde gehoben hatte, aus der Erde, welche ganz aus Feuer war. Klang es nicht lustig, dieses Glöckchen? Und die Leute begannen sich zu bewegen und fraßen sich gegenseitig auf. Ting, ting, ting.

 

Ich hatte doch dieses verfluchte goldene Ding überhaupt nicht haben wollen, oder? Immer noch lag der Mann dort festgeklemmt zwischen Lehne und Sitzfläche der Parkbank. Er lag dort, tatsächlich lag er dort. Besser schnell weg hier, bevor ich in Verdacht gerate, schließlich war ich es nicht gewesen. Wie sollte ich das auch getan haben?

Eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese - Das Glöckchen https://art-depesche.de/ Ruedi Strese