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Quelle: ART DEPESCHE

Berlin - Ich mußte mich in der Adresse geirrt haben. Doch auf dem Zettel stand es, gut lesbar. XXX Straße, Nummer sowieso, bei Schneider klingeln. Ich hatte kurz zuvor im Park eine junge Frau kennengelernt, und sie hatte mich für heute bei sich zum Tee eingeladen.

Vor mir stand ganz eindeutig jemand anderes. Eine Greisin. 

„Ich...“ 

„Kommen Sie doch bitte rein“ sagte sie.

„Ich...“

„Ja, kommen Sie doch erstmal rein.“

Ich folgte ihr in einen dunklen, schmalen Flur.

„Die Schuhe können Sie anlassen, ziehen Sie einfach diese Schluppen darüber.“

„Ja.“

Dann bat sie mich ins Wohnzimmer.

„Setzen Sie sich, ich habe schon alles vorbereitet. Ich hole nur rasch den Tee aus der Küche. Ich wußte ja nicht, ob Sie pünktlich sind. Da habe ich ihn lieber zum Warmhalten auf der Platte gelassen. Bei uns wäre das damals für einen jungen Mann selbstverständlich gewesen, aber heutzutage... nun ja... Ach, da steht etwas Gebäck. Bedienen Sie sich ruhig.“

Die alte Dame schien mit Sicherheit Besuch erwartet zu haben. Doch mich? Auf dem mit einer weißen Spitzendecke geschmückten Couchtisch standen mehrere Sorten Kuchen sowie zwei Schalen mit Plätzchen, die anscheinend vor kurzem erst aus dem Ofen geholt worden waren. Sie dufteten fabelhaft. In diesem Moment beschloß ich, zu bleiben, und langte kräftig zu.

Die Wände waren mit einer grobstrukturierten Blumentapete bekleidet, diese war schon stark vergilbt. Bei meiner Urgroßmutter hatte ich in Kindheitstagen etwas ähnliches gesehen. Die Möbel paßten hervorragend zueinander, es handelte sich um sicher nicht ganz wertlose und gut erhaltene rotbraun lackierte Jugendstilstücke. In einer Vitrine standen kleine Schalen aus Bleikristall, und dazwischen einige Fotos, die meine Gastgeberin und einen Mann zeigten, sicher ihren verstorbenen Gatten. Recht weit hinten befand sich jedoch ein Bild - ich konnte es wegen des schwachen Lichtes und der geringen Größe kaum erkennen, auch sah es bereits sehr verblaßt aus - auf welchem ich die junge Frau aus dem Park zu erkennen glaubte. Ich nahm mir vor, das Gespräch später darauf zu lenken.

 

Die Gastgeberin kam mit der Teekanne herein. Alles in allem machte sie noch einen recht rüstigen Eindruck. 

„Sie sind also Herr Trafülk.“

„Ja.“

Ich verschwieg ihr lieber, daß ich mich meiner Bekanntschaft im Park mit einem falschen Namen vorgestellt hatte, denn mein Ansinnen war alles andere als ehrenhaft. Ich war in diesen Jahren ein notorischer Herumtreiber und Kleinkrimineller, der mit einigem Witz und Charme alleinstehende Frauen umgarnte und sie um Geld und Wertsachen erleichterte.

„Herr Trafülk, Sie interessieren sich sicherlich für...“

Sie stockte und sah mich scharf, ja eiskalt, an, um dann plötzlich zu lächeln.

„Sie interessieren sich doch für wertvolle Dinge?“

„Ich...“

„Ja, das tun Sie, gewiß.“

Ich hatte das Gefühl, bei vollem Bewußtsein seziert zu werden, mein Magen zog sich zusammen.

„Herr T R A F Ü L K, mein Mann war wie Sie. Nur besser. Größer. Gefährlicher. Ein Meister des Verbrechens.“

„Ich verstehe nicht...“

Dabei war mir der Boden unter den Füßen schon vollkommen entzogen worden.

„Doch. Sie verstehen. Und etwas graben werden Sie wohl können?“

„Ja“ antwortete ich nach einer ganzen Weile des Zögerns.

„Gut. Kommen Sie mit. Ach - halt. Trinken Sie in Ruhe Ihren Tee aus und essen Sie soviel Kekse und Kuchen, wie Sie möchten. Ich bin auf dem Hof, die Tür hinten ist offen.“

 

Ich knabberte an einem Keks herum und trank zitternd meinen Tee. Dann stand ich auf und ging hinaus. Ich sah Frau Schneider auf einer überaus kargen Wiese stehen, sie hatte sich auf einen Spaten gestützt und lächelte, daß auch ich mich wieder etwas entspannte.

„Schauen Sie, hier ist die Stelle, und hier haben Sie einen Spaten. Sie werden es schaffen, da bin ich mir sicher.“

„Warum...?“

„Lassen Sie das. Sie werden eine Kiste finden. Diese ist bis oben gefüllt mit Dingen, die Sie sicher gewinnbringend verkaufen können. Das Einzige, was ich daraus für mich möchte, ist ein altes Bild. Das geben Sie mir bitte. Für Sie ist es wertlos, aber für mich ist es ein persönliches Erinnerungsstück.“

Ich hatte kaum eine halbe Stunde gegraben, als ich auf Holz stieß, allerdings dauerte es noch gute zwei Stunden, bis ich die Kiste ganz freigelegt hatte, denn sie war recht lang, so wie ein Mensch. Es handelte sich um einen Sarg.

Diesen öffnete ich und kam aus dem Staunen kaum heraus. War das alles echt? Ich fühlte mich wie der Held eines Südseeabenteuers, der einen geheimnisumwobenen Piratenschatz entdeckt. Perlenketten, goldene Uhren, uralte Münzen, kunstvolles Porzellan. All diese Dinge würde ich mitnehmen können, meinen Wagen hatte ich nicht weit von hier geparkt, genügend Beutel und Kartons hatte ich dabei.

Dann fand ich das Bild. Es war eine Zeichnung, die jedoch sonderbar lebendig wirkte. Sie zeigte den Tisch der alten Dame und dahinter das Sofa, auf dem ich gesessen hatte. Darin saß eine junge Frau, sie hatte den Kopf gesenkt. Plötzlich schaute sie auf. Es war die junge Frau aus dem Park, und ihre Blicke brannten sich gerade durch die schützende Hülle meines Verstandes bis tief in mein Innerstes.

„Ich verzeihe Dir nie!“ schrie etwas in meinem Schädel. Laut, gellend, mich ins Mark erschütternd, entsetzlich, endlos widerhallend, dann leiser, leise, immer leiser...

War etwas gewesen?

Die alte Dame kam heran, ich betrachtete die simple Zeichnung der Sitzecke aus ihrem Wohnzimmer und schüttelte verwundert den Kopf.

Sie nahm mir das Bild aus der Hand.

„Danke“ sagte sie freundlich.

Und dann? Ich weiß es nicht mehr.

 

 

Bin ich nicht ein reicher Mann geworden? Wer träumt nicht von einem Leben, wie ich es habe? Wunderschön ist diese Gegend um mein Haus in der XXX Straße, wirklich schön. Da ihr nicht wißt, wer ich bin, kann ich es ruhig schreiben: in meinem Garten habe ich eine alte Frau begraben. Manchmal kommt ihr Geist nachts vorbei und erzählt mir, ich hätte sie wegen dieser Zeichnung erschlagen, was ich für Unsinn halte, denn sicher war es mir um Wertvolleres gegangen. Um das Haus zum Beispiel. Es störe sie jedoch nicht, da sie alle Zeit der Welt habe und... albern. Ach, da sehe ich dieses alte kleine Foto der jungen Frau, die ich einmal im Park kennengelernt hatte. Ich weiß nicht, wieso ich es nicht weggeschmissen habe. Vielleicht sollte ich das tun, denn irgendwie irritiert es mich; ich fühle mich manchmal beobachtet. Vor allem mag ich es nicht, mit „Herr Trafülk“ angesprochen zu werden, wie es die neue Postbotin letztens getan hat. Ich heiße nämlich Schneider.

Einladung zum Tee - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/Foto-27_1024px.jpg Ruedi Strese