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Berlin - Nicht ganz uneigennützig hatte sich die Biene auf dem Himmelsschlüssel niedergelassen. Dieser jedoch, aus unerfindlichen Gründen eines Tages zu einem wohl überaus originellen Glauben gelangt, wandte sich dem Insekt gierig zu, denn er fand nun, daß das Vergnügen doch im Allgemeinen über den Zweck zu stellen sei. Die Biene schaute zuerst ratlos ob dieses befremdlichen Verhaltens, plötzlich jedoch, verstehend, flog sie überstürzt davon und setzte sich auf einem Kiefernzweig nieder.

Da nahte ein Schmetterling. Der Himmelsschlüssel sprach: „Schmetterling, Du bist früh dran! Der Winter war mild – er war ja gar keiner – deshalb habe ich wohl das Glück, Dich einmal persönlich kennenzulernen. Darauf reiche mir doch die Hand!“ Der Schmetterling antwortete: „Ich habe gehört, daß Du früher aus dem Schnee heraus schon die Welt angelächelt hast – das wäre mir doch gar zu kalt! Ich freue mich aber, Dir jetzt begegnen zu dürfen. Die Hand werde ich Dir aber nicht reichen, ich habe nämlich keine.“ Auch bemerkte er, daß einige Blätter der Pflanze begonnen hatten, zu faulen und einen schlechten Geruch zu verbreiten.

Der Himmelsschlüssel hingegen fand es öde, sich dem Faktischen unterzuordnen und lachte hochmütig: „Du wirst den Gedanken, mir die Hand nicht gereicht zu haben, nur, weil Du keine hast, noch traurig genug finden!“ Der Schmetterling schüttelte den Kopf und nahm Kurs auf irgendeinen Grashalm, wo er sicherheitshalber tat, als existiere die seltsame Blume gar nicht.

Später ging der Gärtner seine Runde durch den Garten. Laut rief das eigensinnige Gewächs: „Herr Gärtner, Herr Gärtner!“ Der Mann blickte erstaunt und wandte sich dem Himmelsschlüssel zu, welcher wild die nun schon stark angefaulten Blätter schwenkte. „Ja, was tust Du denn? Solltest Du nicht wachsen und blühen? Du aber schwankst selbst in der Windstille und vergammelst dabei!“ „Aber schauen Sie doch, Herr Gärtner, wie großartig ich tanzen kann!“

Der Gärtner war ein gutmütiger alter Mann, der so manches gesehen hatte, doch, auch wenn er sie nicht schreiben konnte oder auch nur daran gedacht hätte, es können zu wollen – lesen konnte er die Schrift Gottes wohl; dies Gebaren aber vermochte er nicht zu entziffern. Er sah die Biene verängstigt auf dem Kiefernzweig sitzen und sprach: „Schau, Du solltest doch die Biene anlocken, doch was tust Du stattdessen? Schämen solltest Du Dich!“ „Aber ich kann tanzen!“ rief die Blume empört. „Nein, nein, nein“ murmelte der Gärtner und wandte sich ab.

Ein leichter Wind wehte durch den Garten und trug den Duft des Frühlings, wohin immer es ihm zu wehen bestimmt war. Der häßlich faulige Himmelsschlüssel schrie: „Schau, Wind! Mein Tanz! Im Fernsehen habe ich ihn gesehen. Ich kann etwas, was Du nicht kannst!“ Der Wind seufzte leise und wehte durch die Krone der Kiefer, bis ein Zapfen sich lockerte und herabfiel. Der Himmelsschlüssel kreischte auf, als er ihn kommen sah, denn er erwartete er einen Schmerz, wenn er getroffen würde, und das wurde er. Doch er fühlte den Schmerz nicht, denn er fühlte – nichts. Er sank in einen langen, tiefen Schlaf und es herrschte für einige Zeit Schweigen im Garten.

Ich selbst war lange nicht dort gewesen, aber der Wind hat mir erzählt, der Himmelsschlüssel sei schließlich aufgewacht, habe sich verschlafen die Augen gerieben und wieder geduftet. Auch die Biene und der Schmetterling seien schon zu einem Plausch vorbeigekommen, und er habe ganz gewiß nicht glauben wollen, was sie ihm zu erzählen hatten.

Biene, Schmetterling und Wind - Der Himmelsschlüssel https://art-depesche.de/ Ruedi Strese