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Quelle: ART DEPESCHE

Berlin - Die Tür öffnete sich, und vor mir stand eine freundlich lächelnde Mittvierzigerin.

„Frau Hahnemann?“

„Ja, das bin ich.“

„Ich habe ein Päckchen für Sie.“

„Ach ja, das ist schön, kommen Sie ruhig herein.“

„Ich bin im Dienst. Wissen Sie, ich muß noch weiter, es sind noch viele Sendungen abzuliefern.“

„Ach, wissen Sie! Ich bekomme so selten Besuch. Eine Viertelstunde, Sie bekommen einen Kaffee und noch ein hübsches Trinkgeld. Sagen wir: 200?“

„Oh...“

Was sollte das? Aber 200... eine schöne Summe für einen einfachen Mitarbeiter des Paketdienstes. 

„Na gut, aber nur eine Viertelstunde.“

„Na sehen Sie!“

 

Ich betrat die Wohnung und dachte, nun würde ich in die Küche oder in das Wohnzimmer gebeten. Stattdessen führte mich die Frau zum Ende des Flurs und öffnete eine Tür zur linken Seite.

„Schauen Sie. Das ist das Zimmer meiner Tochter. Sie heißt Jenny, ein sehr nettes Mädchen.“

„Ja, sicher“

Was hätte ich anderes tun sollen, als mich zu wundern?

„Schauen Sie ruhig. Hier, das ist ein Foto von Jenny. Gefällt sie Ihnen?“

„Ja, eine hübsche Tochter haben Sie.“

Die Frau ging zum Kleiderschrank und öffnete ihn. 

„Schauen Sie da einmal rein, Jenny möchte Modedesignerin werden. Sie hat sich manche ihrer Kleider selbst genäht. Dieses zum Beispiel.“

Ich bin für Modegeschichten gänzlich unempfänglich, deshalb nickte ich freundlich. Aber ja, ich denke, ein junges Mädchen würde in so einem Kleid sicher gut aussehen.

„Sie entwirft auch Herrenbekleidung. Dieses Hemd hier – es steht Ihnen sicher. Ich schenke es Ihnen.“

„Sie verschenken die Sachen Ihrer Tochter? Sind Sie da sicher?“

„Ach, sie hat es doch sogar für Sie entworfen, Mister Dunham!“

„Dunham? Ich heiße Zielke...“

„Ja, ja...“

In den Augen der Frau sah ich ein beunruhigendes Funkeln.

„Wie auch immer. Riechen Sie einmal an diesem Kleid, Jenny hat es vorgestern getragen.“

Sie hielt mir das Kleid unter die Nase.

„Es duftet, nicht wahr?“

„Ja...“

 

„Gefällt Ihnen Jenny?“

„Ein hübsches Mädchen, sicher.“

„Ach, dann legen Sie sich doch ein wenig in ihr Bett. Bestimmt würden Sie ihr auch gefallen.“

Das Erschrecken in meinem Gesicht kann kaum zu übersehen gewesen sein.

„Ich zahle Ihnen weitere 200...“

Noch 200...?

„Keine Angst. Ich will Sie nicht... na, Sie wissen schon. Tun Sie mir doch einfach den Gefallen. Ziehen Sie zumindest Ihr Hemd aus und legen sich ein wenig in das Bett. Jenny hätte sicher nichts dagegen, Mister Dunham.“

Widerwillig folgte ich den Anweisungen... eigentlich wollte ich gehen, aber 400...? Dafür mußte ich sonst eine Woche lang arbeiten. Ich merkte, wie sie mich mit einem mißmutigen Blick streifte. Lieber wollte ich gehen. 

400...

Nachdem ich mich ins Bett gelegt hatte, lächelte sie, deutlich freundlicher.

„Ich hole Ihren Kaffee. Den hatte ich ja versprochen.“

 

Plötzlich trat ein Herr in das Zimmer.

„Lisbeth!“ rief er.

Dann sah er mich an und schüttelte den Kopf.

„Es tut mir leid.“

Ich antwortete nicht, sondern schaute nur – vermutlich mehr als irritiert.

„Es tut mir leid, daß ich nicht selbst da war, als Sie geklingelt haben. Sie müssen verstehen...“ Er stockte plötzlich. „Unsere Jenny hatte in letzter Zeit oft von einem Engländer namens Dunham gesprochen, mit dem sie große Pläne hatte. Wir haben ihn nie kennengelernt, aber vorgestern hat sie plötzlich tot im Bett gelegen. Sie hatte sich vergiftet. Ich hoffe, Sie haben den Kaffee meiner Frau nicht getrunken?“

„Nein... das habe ich nicht.“

 

„Gut.“

Kurzgeschichte von Ruedi Strese - Paketdienst https://art-depesche.de/images/IMG_0569.JPG Ruedi Strese