static-aside-menu-toggler
gkSearch
Quelle: ART DEPESCHE

Berlin - Der kleine Junge saß auf einer Bank auf dem Marktplatz, gegenüber des Brunnens und schaute vor sich hin. Er wußte, daß er eigentlich Besseres zu tun hatte – das heißt: was man für gewöhnlich so als besser betrachtete. Insbesondere, in das Rad hineinzuspringen, welches gelangweilt und zudringlich um ihn herumrollte und rief „Hier bin ich, siehst Du mich nicht?“ Aber sollte er dergleichen Erwartungen wirklich entsprechen?

Da gab es doch noch andere Dinge. Er stand auf, den direkten Blick auf und jede Berührung mit dem Rad vermeidend, und er spürte die Feindseligkeit, die ihm aus unzähligen trüben Augen entgegenschlug.

Er wollte seines Weges gehen, doch das Rad folgte ihm und rollte immer schneller um ihn herum, bis plötzlich sein Arm darin hing. Verärgert löste er sich aus dem Gefüge und schwang sich in einer spiralartigen Drehung zum dunkelgrau gewordenen Himmel empor und hielt sich an einer tiefhängenden Wolke fest. Dann begann es zu regnen, und in wenigen Minuten war der Platz menschenleer. Es stürmte, daß die Kronen der Bäume schwankten, und der Junge hatte Mühe, sich festzuhalten. Irgendwann ließ das Unwetter nach, die Wolke jedoch war ganz leicht geworden und stieg immer weiter aufwärts, daß dem Jungen erst recht mulmig wurde.

Durch ein kleines Fenster gelangte er indes schließlich in die Wolke hinein und merkte, daß er ganz winzig geworden war. Er war auch nicht alleine. Viele kleine Jungen und Mädchen schwirrten um ihn herum, andere saßen da und träumten. Plötzlich war eine seltsame Melodie zu vernehmen, und ohne zu zögern rannten alle Kinder in die Richtung, aus der sie kam. Unser Junge rannte mit, bis irgendwann ein Dorf zu sehen war. In dessen Mitte tanzte ein anmutiges Wesen in graubunten Gewändern und spielte die Melodie, lächelnd und auf mehreren Instrumenten gleichzeitig. In dem Dorf standen etliche Häuser. Jedes Kind hatte ein eigenes Haus, auch der Junge fand sofort eins, von welchem er einfach wußte, daß es das seine war.

Er trat in die Tür und bemerkte, daß sein Haus tatsächlich ein Regentropfen war, und als er hinausschaute, sah er all die Jungen und Mädchen in Regentropfen sitzend, jeder bewohnte Tropfen trug für ihn eine Botschaft, und in jedem spiegelte er sich. Schließlich öffnete sich die Wolke erneut, und nun ging es abwärts mit dem Häuschen, er fiel und fiel und fiel, bis er unter sich den Marktplatz erkannte. Dort saß ein Junge auf einer Bank und schaute vor sich hin...

Kurzgeschichte von Ruedi Strese: Regen über dem Marktplatz https://art-depesche.de/images/IMG_0501_1024px.jpg Ruedi Strese