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Der Sehfehler | Quelle: ART DEPESCHE

Berlin - Die Frau war gerade nach Hause gekommen und betrat nun die Küche, um sich nach dem Heimweg an diesem heißen Tag mit einem kühlen Getränk zu erfrischen. Allerdings bot sich ein eigenartiger und zuerst erschreckender Anblick, denn am Küchentisch saßen ihr Mann und ihre Tochter und schliefen. Beide schauten jedoch ganz friedlich, so daß sich die Frau letztlich eher wunderte als wirklich Sorgen machte. Sie dachte bei sich, da könne sie die beiden ja auch schlafen lassen, sie würden - warum auch immer - einfach furchtbar müde sein.

Dann ging sie an den Kühlschrank und öffnete die Tür. Was sie dort sah - entsprach nicht ihren Erwartungen. Sie sah ihre Küche, oder ein exaktes Abbild derselben, nur wirkte alles seltsam verschwommen, als wäre es aus einem schnell fahrenden Zug aufgenommen. Ihr Mann und ihre Tochter standen ebenfalls dort, nahmen jedoch keinerlei Notiz von ihr. Stattdessen schienen sie dabei zu sein, ein Mahl zuzubereiten. Die Frau rief in den Kühlschrank hinein, doch die beiden fuhren unbeeindruckt in ihrer doch alltäglichen Tätigkeit fort.

Sie wunderte sich ein wenig über sich selbst, was sie da überhaupt machte. In den Kühlschrank hineinrufen, wobei die, welche sie rief, doch am Küchentisch schliefen, und... sie würde sie nun doch lieber wecken wollen. Sie schloß den Kühlschrank wieder und drehte sich zum Küchentisch, doch sie sah alles verschwommen... wie zuvor im Kühlschrank. Ihr Mann und ihre Tochter waren allerdings wach und lachten: „Warum siehst Du denn so verschwommen aus?“

„Ihr seht verschwommen aus.“

„Nein, wir nicht,“ sagte das Mädchen „nur du.“

„Ich finde das albern von Dir, solche Auflösungserscheinungen zu zeigen.“ Ihr Mann schien sich köstlich zu amüsieren.

„Habt ihr vielleicht irgendwelche Drogen genommen?“ wunderte sie sich.

„Nein, Mutter,“ sagte die Kleine „wir sind tot.“

„Tot. Ach so. Na, das kann ja heiter werden.“

 

Sie verließ die Küche und die Wohnung. Diese Nacht würde sie an ihrem Arbeitsplatz verbringen. Mit Mann und Tochter würde sie sich am nächsten Tag nach der Arbeit noch einmal beschäftigen. Vielleicht ließe sich dann vernünftig mit ihnen reden. Die Welt draußen sah ebenfalls etwas verschwommen aus und sie nahm sich vor, bei Gelegenheit dem Optiker einen Besuch abzustatten.

Kurzgeschichte von Ruedi Strese - Der Sehfehler https://art-depesche.de/images/IMG_0988_1024px.jpg Ruedi Strese