static-aside-menu-toggler
gkSearch
Die Weltzeituhr | Quelle: ART DEPESCHE

Berlin - Herr Behrens schaute nervös auf die Uhr. Obwohl er erst vor wenigen Minuten, 13.56, angekommen war, hatte er anscheinend schon über sieben Stunden gewartet, denn es war bereits 21 Uhr. Des Rätsels Lösung war jedoch schnell gefunden: diese Zeit war irgendwo in Ostasien, er aber stand vor der Weltzeituhr auf dem Berliner Alexanderplatz.

Dennoch. Er hatte einen dringenden Termin, ein Bewerbungsgespräch. Er war oft genug versetzt oder abgelehnt worden, dieses Mal müßte es klappen, sonst würde ihm Helene nicht glauben, daß er in der Lage sei, eine ordentliche Arbeitsstelle zu finden. Wieder schaute er auf die Uhr.

„Sind Sie Herr Behrens?“

„Ich... ich...“

Auch das noch. Warum um alles in der Welt hatte er plötzlich das Gefühl, bei etwas Verbotenem ertappt worden zu sein?

„Ich bin Herr Meinhardt. Freut mich, Sie kennenzulernen.“

Er blickte in das freundliche Gesicht eines gemütlichen älteren Herren, den er sich eher mit kurzen Hosen und Lederweste hätte vorstellen können, als in korrekter Geschäftskleidung. Herr Meinhardt reichte ihm die Hand, und etwas ungelenk gab er die seine.

„Kommen Sie, wir werden zusammen einen Kaffee trinken. Haben Sie eine Tasse dabei? Ich habe leider nur eine Kanne.“

Herr Meinhardt öffnete seine Aktentasche und tat viel umständlicher, als es nötig gewesen wäre, um eine kleine Thermoskanne herauszuholen. 

„Nein... eine Tasse habe ich nicht“ sagte Herr Behrens.

„Oh... dann trinken wir beide aus der Kanne, nicht wahr?“

Herr Behrens bemühte sich, rasch zu nicken. Herr Meinhardt schaute ihn an und überlegte.

„Vielleicht können Sie ja am Imbiß dort zwei Plastikbecher holen“ sagte er schließlich. „Dies wäre sozusagen ihr erster Geschäftsauftrag.“

Herr Behrens war sich nicht sicher, ob er lieber eilen oder ruhig gehen sollte, heraus kam ein unausgegorenes Mittelding. Nach knapp vier Minuten kam er mit den gewünschten Bechern zurück.

„Sehen Sie, das haben Sie schonmal mit Bravour erledigt“ lächelte Herr Meinhardt ihm aufmunternd zu. Behrens’ Unsicherheit konnte ihm kaum entgangen sein.

„Halten Sie doch bitte die Becher so, daß ich eingießen kann.“

„Ja, sicher.“

Der ältere öffnete die Kanne, und ein angenehmer Duft streifte kurz die Nase des Jüngeren, bis der Wind sich wieder für eine andere Richtung entschied. Langsam goß Meinhardt ein, doch einen kleinen Schluck kippte er sich auf die Hose. Absichtlich. Das war ganz eindeutig gewesen. Was sollte das? Herr Behrens wurde noch unsicherer.

„Das tut mir leid... soll ich versuchen, das wegzumachen?“ stotterte er.

Herr Meinhardt lachte: „Nein, kein Problem, das ist ja nicht Ihre Schuld.“

Eine Weile standen die beiden dort unter der Weltzeituhr, tranken Kaffee und sagten nichts. Herr Behrens dachte an Helene und hoffte, sie heute damit überraschen zu können, endlich selbst arbeiten zu gehen. Ansonsten würde sie wohl nicht mehr lange bei ihm bleiben, das mußte er ganz realistisch sehen.

„Sie wollen also arbeiten?“ fragte schließlich Herr Meinhardt.

„Ja.“

„Wissen Sie denn, um was für eine Stelle es sich handelt?“

„Nein, woher?“

„Es ist etwas pikant. Wollen Sie trotzdem mehr wissen?“

„Ich habe ja nicht viel zu verlieren“ antwortete Behrens.

„Sehen Sie, ich bin seit 35 Jahren mit meiner Frau verheiratet.“

„Oh, das ist schön. So lange halten es wenige Menschen miteinander aus.“

„Ja, könnte man eigentlich so sagen. Aber es gibt ein kleines Problem. Ein sehr privates Problem.“

„Oh...“

„Am besten, ich spreche frei von der Leber weg. Sehen Sie, sie ist fast 10 Jahre älter als ich. Und ich bin schon nicht mehr der Jüngste. Sie ist doch furchtbar unattraktiv für mich geworden. Sie ist noch sehr... liebesbedürftig, aber es geht einfach nicht mehr. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr.“

„Oh...“

Herr Behrens rechnete, daß die Frau des anderen ungefähr 65 Jahre alt sein mußte. 

„Und wissen Sie, was mein eigentliches Problem ist? Ich bin wirtschaftlich vollkommen von ihr abhängig, im Grunde habe ich nichts. Die Firma, das Haus - alles gehört eigentlich ihr. Sie hat mir mit Scheidung gedroht, wenn sie nicht bekommt, was sie will. Dann wäre ich am Ende. Was soll ich tun? Ich kann das nicht. Sie hat mir jetzt vorgeschlagen, daß jemand anders das für mich tun könnte...“

„Oh... und da denken Sie...?“

„Ja, wissen Sie, ich finde das genauso seltsam, wie Sie wahrscheinlich, aber ich bin verzweifelt. Genau, wie Sie, oder?“

„Oh ja...“

Wenn er heute ohne eine Arbeitsstelle heimkäme, wäre es das mit Helene gewesen. Das war Herrn Behrens klar. Eine 65jährige gegen Bezahlung...? Wie tief war er gesunken, überhaupt darüber nachdenken zu müssen.

Wieder schwiegen die beiden Männer eine Weile.

„Überlegen Sie es sich. Die Bezahlung ist gut“ unterbrach Herr Meinhardt schließlich die Stille.

„Ja“ antwortete Herr Behrens. „Aber was soll ich meiner Freundin sagen?“

„Machen Sie sich darüber keine Sorgen. Ich werde schweigen, meine Frau wird schweigen, und laut Vertrag sind Sie Bürohilfe bei der Firma. Ich denke mir auch gerne jeden Tag eine Liste von Tätigkeiten aus, von denen Sie daheim berichten können.“

„Das klingt... vernünftig...“ stotterte Behrens.

„Ja. Überlegen Sie es sich. Warten Sie, ich gieße Ihnen noch etwas Kaffee ein."

Herr Meinhardt füllte diesmal die Becher, darauf stieß er Behrens’ Becher um, daß sich das Unglück deutlich auf dessen Anzughose sehen ließ. Wenn es ein Unglück war...

„Verzeihen Sie vielmals, Herr Behrens. Ich gieße nochmal ein."

Wieder standen die beiden Männer schweigend unter der Weltzeituhr und schauten vor sich hin.

„Nehmen Sie die Stelle?“ fragte irgendwann Herr Meinhardt.

„Ich... ja, ich muß ja wohl.“

„Ich kann nur wiederholen, Herr Behrens. Es ist für uns beide nicht leicht. Glauben Sie mir, ich würde gerne andere Dinge tun, als hier stehen und mit Ihnen solche Dinge auszuhandeln.“

„Ja.“

„Sie wollen die Stelle?“

„Ja“ seufzte Behrens. Nur, um Helene nicht zu verlieren...

„Gut. Sie können morgen anfangen.“

Er hatte also eine Arbeit. Aber glücklich war er deswegen sicher nicht.

 

Helene erwartete ihn bereits.

„Und? Wie war dein Treffen mit Herrn Meinhardt?“

„Ich habe die Stelle“ nickte er, sich zu einem gequälten Lächeln zwingend.

„Da hat er dir wohl etwas Kaffee auf die Hose geschüttet...“

„Ja.“ 

Helene mußte lachen.

„Wie ich ihn gebeten hatte. Und bestimmt hat er Dir auch die Stelle angeboten, die er Dir anbieten sollte...“

Kurzgeschichte von Ruedi Strese - Das Bewerbungsgespräch https://art-depesche.de/images/Weltzeituhr_1024px.jpg Ruedi Strese