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Berlin - Friedlich sitzt eine Familie am viereckigen und aus Holz gefertigten Frühstückstisch, kurz bevor das große Aufbrechen der beiden Kinder Fritz und Anna, sowie des Ehemannes Johannes beginnt. Nachdem Ilona, die Frau im Haus, ihre Dinge erledigt hat, wird auch sie sich zur Arbeit aufmachen. Kurz verschwindet der Vater vom Tisch, kommt dann aber sogleich wieder mit der Post zurück. Für einen Moment öffnet er die Zeitung und überfliegt sie, legt sie dann aber wieder kopfschüttelnd neben sich hin, um sich den eingetroffenen Briefen zu widmen. „Rechnung, ... Rechnung, ... Werbung, ... Rechnung, ... Werbung, ... aber … aber...“

Der Vater läuft rot an und blickt dann wütend zu seinem Sohn. „Fritz, sag mal, was hast du dir da wieder angesehen. Sieh mal den Brief hier, den ich von der Staatsanwaltschaft erhalten habe. Wahrscheinlich haben sie deine IP ermittelt... Irgendwelche brutalen Splatterfilme musst du dir runtergeladen haben, steht da zumindest im Brief, und da muss jetzt jemand eine Buße dafür zahlen. Wer wird wohl dieser jemand sein? - Ich natürlich. Reichen dir gute Horrorfilme wie zum Beispiel Francis Ford Coppolas Frankenstein oder sein Dracula etwa nicht? Die haben ja genügend blutige Szenen drin.“ „Aber Papa, da kann ich auch nichts dafür. Ich schau mir doch nicht so eklige Filme an. Die wurden sicher runtergeladen, als ich wohl irgendwo aus Versehen drauf geklickt habe.“ „Will ich ja hoffen, ich schau mir dann mal deinen Verlauf an, dann wird sich das dann schon klären. Am besten ist wohl, der Betrag wird dir vom Taschengeld abgezogen, da lernst du sicher was dabei. Hast du es nämlich nicht absichtlich gemacht, sondern nur aus Fahrlässigkeit, passt du das nächste Mal sicher besser auf, bevor du einfach auf dem Bildschirm rumklickst.“

Stutzig hat die Mutter die Szenerie betrachtet, die sich gerade vor ihren Augen abgespielt hat und findet dann: „Klär doch sonst vorher ab, ob das überhaupt wirklich bei uns war. Vielleicht versucht auch jemand, uns zu betrügen.“ „Stimmt mein Schatz, daran habe ich noch gar nicht gedacht, das mach ich nachher direkt, wenn ich im Geschäft bin. Mal bei dieser Staatsanwaltschaft anrufen.“

Abgelenkt durch das aufgetretene Problem hat der Vater Johannes gar nicht bemerkt, dass sich die kleine Anna die Zeitung geschnappt hat. Da sie erst kürzlich das Lesen erlernt hat und selbiges gerne tut, hat sie bereits die Gewohnheit entwickelt, sofort alles zu schnappen, was von Erwachsenen üblicherweise gelesen wird. Zu spät schon sieht er, wie die Kleine vor sich die Zeitung ausbreitet und dann sofort nach einem kurzen Blick auf die Frontseite, während dem ihr Vater „Nein Anna!“ geschrien hat, zu kreischen und weinen beginnt. Auch die Mutter wurde vom Schrei des Vaters und dem Quietschen der Tochter aufgeschreckt, welche sich ihr direkt zugewandt hat. Doch in Windeseile schießt die Kleine tränenüberströmt aus der Küche und verschwindet hinter sich die Türe zuschlagend und abschließend im nächstgelegenen Klo.

Die Mutter springt auf und eilt hinterher, kommt aber nach wenigen Minuten wieder zurück in die Küche, wo der Vater mit seinem Sohn noch verdutzt dort sitzt. „Jetzt verdammt nochmal. Du weißt doch, dass du aufpassen musst mit der Zeitung. Wir haben es doch jetzt fast zwei Wochen geschafft, dass das hier nicht passiert ist.“ „Entschuldige bitte mein Schatz, das ist nur wegen diesem verdammten Brief von der Staatsanwaltschaft geschehen.“ „Schon in Ordnung, aber pass einfach bitte ab Morgen wieder besser darauf auf, dass sie die Zeitung nicht in ihre Händchen kriegt. Was ist denn überhaupt auf der Frontseite, ich muss das nachher dem Psychologen angeben, wenn ich ihn anrufe.“ „Heute ist es eigentlich nicht mal so extrem schlimm. Im oberen Teil ist nur ein Foto von zerstückelten Kinderleichen, die bei einem Massaker von Islamisten umgebracht wurden. Im unteren Bereich ist auch nichts sonderbar Krasses. Nur Verweise auf zwei ganz originelle Künstler samt Foto dazu. Auf der rechten Seite der unteren Hälfte wird per Bild gezeigt, wie ein männlicher Künstler seine Hoden auf den Roten Platz genagelt hat und dann hat es auf der linken Seite was zu einer Künstlerin, die Farbeier aus ihrer Vagina plumpsen lässt, um Bilder damit entstehen zu lassen.“

(Die Kurzgeschichte "Morgendlicher Schock" ist ein Vorgeschmack auf den kommenden Band "Fratze der Häßlichkeit" des Schweizer Autors David Beetschen)

Morgendlicher Schock - Kurzgeschichte von David Beetschen https://art-depesche.de/ Ruedi Strese