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Rosen

Berlin - „Großmutter, du wirst 70 Jahre alt, und da wird die ganze Familie zusammengetrommelt und ordentlich gefeiert!“

Jochen war der Großmutter also ins Wort gefallen, als diese dabei war, vor ihren beiden Söhnen und den Enkelkindern ausführlich und umständlich zu erklären, daß sie dieses Jahr überhaupt keine Lust zum Feiern hätte und diesen achsobesonderen Tag lieber mit ihrem kleinen Dackel namens „Herr Pfeffer“, einem guten Buch und einer Pfeife mit Kirschtabak irgendwo auf einer Bank am Feuerwehrteich verbringen wollte. 

Jochen war der älteste der Enkel und bildete sich darauf anscheinend etwas ein, genug jedenfalls, daß er meinte, der vornehmen Dame, die zugleich seine Großmutter war, einfach den Willen ihrer versammelten Nachkommenschaft aufzwingen zu können.

„Nein“ sagte diese schlicht und entschieden, stand auf und ging mit Herrn Pfeffer zum Gartentor, nicht ohne die Bande vorher demonstrativ NICHT noch einmal anzuschauen. Da war so nichts zu machen, das mußte auch Jochen zugeben.

Peter, Jochens Vater, trat monoton und lustlos mit dem linken Fuß gegen das Tischbein, bis seine Frau, Anne, genug davon hatte und ihm einen strafenden Blick zuwarf, worauf er leise seufzte und dann still saß.

„Wir können sie ja nicht zwingen. Sie ist schließlich eine erwachsene Frau“ meinte Anne.

Jochen sah das anders: „Ich glaube, sie wird langsam senil. Das ist doch nicht mehr ernstzunehmen, vollkommen lächerlich. Sie war immer eine lustige Frau, die sich in bunter Gesellschaft wohlgefühlt hat, und auf einmal macht sie einen auf Einsiedlerin? Da stimmt doch etwas nicht!“

„Sag du ihr das doch bitte, Jochen, wenn das deine Meinung ist“ erwiderte seine Mutter mit einem leicht süffisanten Lächeln. „Weißt Du, Oma, ich glaube, du hast einen an der Klatsche!“

Jochen lachte unwillig. So komisch fand er das gar nicht.

„Was, wenn wir sie einfach überraschen?“ rief er schließlich freudig und begleitet von einer ruckartigen Bewegung, als hätte er damit den Stein der Weisen gefunden. Er wurde schnell still, als die anderen sich darauf nicht sofort begeistert zeigten.

„Ja, möglich wäre das, Jochen. Aber vielleicht müssen wir den Willen deiner Großmutter auch respektieren“ sagte sein Vater schließlich.

Eine Weile wurden so zahnlose Argumente ausgetauscht und letztlich gab es kein Ergebnis, auf das man sich hätte einigen können, also verlor sich der Gesprächsfaden und es ging um dies und das, doch nicht Großmutters siebzigsten.

Irgendwann kam die Dame zurück und schmunzelte gewaltig.

„Nun, Großmutter?“ 

„Nun was, Jochen?“

„Werden wir deinen Geburtstag feiern können?“

„Ja, das werdet ihr.“

Jochen lachte, alle lachten.

„Na, bitte, es geht doch.“

Großmutter lachte auch.

„Ihr werdet mir aber nicht böse sein, wenn ich mich durch eine Schauspielerin vertreten lasse.“

Ungläubiges Staunen, ja, Erschrecken zeichnete sich auf den Gesichtern ab. Die Großmutter zeigte sich wenig beeindruckt: „Meine alte Freundin Marga, sie ist wirklich gut. Ihr werdet sie mögen. Derweil werde ich mit Herrn Pfeffer auf der Bank am Feuerwehrteich sitzen. Ich wünsche übrigens keine Geschenke, außer, daß ihr das so macht, wie ich es wünsche. Danke.“

 

Am nächsten Tag starb sie mit einem Lächeln, denn dieser Scherz war ihr doch gelungen.

Großmutters Geburtstag - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/Rosen_1024px.jpg Ruedi Strese