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Quelle: ART DEPESCHE, Ruedi Strese

Berlin - Es war, wie üblich, noch sehr früh am Morgen, als der Bäcker sein Geschäft betrat. Das mußte er auch, damit die Backwaren rechtzeitig fertig wurden. Sechs Uhr sollte der Laden öffnen, und bis dahin mußten die Brötchen, Brote, Plätzchen, Blechkuchen in den Auslagen liegen. Dazu kam, daß er für heute noch einen besonderen Plan hatte.

Er konnte nämlich einen seiner Stammkunden nicht ausstehen und wollte ihm einen Streich spielen. Der schmierige Herr mit seiner absonderlich großen Brille, dem ewig gleichen versifften Stoffbeutel und der unangenehmen Stimme hatte sich nicht erst einmal vorgedrängelt und damit Streit ausgelöst. Im Grunde wäre ein Hausverbot angemessen gewesen. Allerdings war es nicht die Art des Bäckers, offen seine Meinung kundzutun, er war ein konfliktscheuer Mensch. Sein Plan war nun, dem Herrn einen Denkzettel zu verpassen und ihm den Einkauf in seinem Laden gründlich zu verleiden. Dafür hatte er sich für ein einzelnes Brot eine besondere Rezeptur einfallen lassen. Der Herr holte sich immer ein speziell für ihn länger gebackenes ab. Dieses Mal würde es dem Tunichtgut aber sicherlich schwer im Magen liegen.

Kurze Zeit später erschien des Bäckers Gehilfin, Alina. Alina konnte die Aversion ihres Chefs gegen den Stammkunden nicht nachvollziehen, weshalb er sie in seinen Plan nicht eingeweiht hatte. Mehr noch: sie hatte sich in ihn verliebt und bildete sich ein, er würde ihre schmachtenden Blicke erwidern, wenn sie ihn bediente. Niemals hätte sie jedoch gewagt, ihn vor den Augen aller Kunden, vielleicht gar ihres Chefs, anzusprechen. Deshalb hatte sie diesmal einen Plan. Wochenlang hatte sie darüber nachgedacht und sich nun entschieden, diesen auszuführen. Sie wußte um des Stammkunden speziell länger gebackenes Brot und würde ihm eine Botschaft darin verstecken, ein kleines Zettelchen mit einer unmißverständlichen Nachricht und ihrer Telefonnummer.

Der Bäcker hatte dem Teig des Brotes einige perfide Zutaten beigegeben, von Zement bis Rizinusöl. Er schmunzelte in sich hinein, sagte jedoch natürlich seiner Angestellten, deren verblödet-schwärmerische Blicke ihm nicht verborgen geblieben waren, nichts.

Alina hingegen verfolgte den Teigknetvorgang des zweiten Brotes von links, und als der Meister für eine kurze Raucherpause hinausging, öffnete sie den Laib von unten, verbarg den vorbereiteten und klein zurechtgefalteten Zettel rasch, verschmierte die Stelle wieder. Der Bäcker würde wohl kaum etwas merken.

Sechs Uhr öffnete der Laden, kurz vor acht Uhr würde der Herr kommen und sein Brot abholen. Der Bäcker und Alina fieberten dem Moment der Übergabe entgegen. So verging die Zeit, und beide hatten nur einen Gedanken im Kopf. Bis kurz vor 8 Uhr. Dann wurde es 8.05 Uhr. 8.15 Uhr. 8.30 Uhr. Der Bäcker ging hinaus, um zu rauchen, das war es wohl. Sein Versuch war ins Leere gelaufen. Alina sank in sich zusammen. Nein, nochmal würde sie sich nicht überwinden, es hatte nicht klappen sollen. Der Herr war heute einfach nicht gekommen.

Der Stammkunde - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/Foto-36.JPG Ruedi Strese