Das Büro des Stellvertreters von Ruedi Strese | Quelle: ART DEPESCHE

Berlin - Ich hatte vor einiger Zeit bei einer Gebäudereinigungsfirma angeheuert und hing nun nicht das erste Mal an einem Seil in etwa 15 Metern Höhe und putzte Fenster eines Bürogebäudes. Die Fenster waren verspiegelt, ich war allerdings nah genug, um doch etwas hineinsehen zu können; nur, daß mich dies nicht sonderlich interessierte. Mit Genauigkeit, doch ohne großartigen Enthusiasmus ging ich meiner eher eintönigen Arbeit nach.

Da hörte ich ein klirrendes Geräusch - ein Fenster, nur wenige Meter neben dem, an welchem ich gerade tätig war, war zu Bruch gegangen, von innen eingeschlagen worden, und die Scherben fielen auf den Bürgersteig, erneut klirrend; glücklicherweise war dort unten keine Menschenseele und so wurde niemand verletzt.

Ein Herr von etwa 60 Jahren mit schütterem Haar schaute aus dem eingeschlagenen Fenster heraus und lächelte mich an. Klug fand ich das nicht, denn um ihn herum ragten spitze und scharfe Glasstücken aus der Wand, eigenartigerweise fühlte ich mich an ein Porträt in einem Bilderrahmen erinnert. 

 

„Kommen Sie doch mal her!“ rief er mir zu.

„Ich habe hier ein Soll zu erfüllen, wenn ich das nicht schaffe, wird der Chef mäßig glücklich sein...“

„Sie werden einen guten Grund haben, keine Sorge.“

„Wenn sie das sagen...“

Ich bewegte mich langsam und vorsichtig in seine Richtung.

„Kommen Sie einfach mal hier ins Büro.“

„Ja, nun... dieser Scherbenkranz sieht allerdings wenig einladend aus.“

„Oh, ich vergesse das manchmal, ich kann das Fenster auch zur Seite öffnen. In meinem alten Büro ging das nicht, da gab es dafür eine Klimaanlage. Furchtbar ist das hier drinnen, wenn man nicht dann und wann lüftet, wirklich unerträglich.“

 

Der Mann öffnete das zerschlagene Fenster und ich kletterte hinein.

„Wie gefällt Ihnen mein Büro?“

„Ja, was soll ich sagen, es ist halt ein Büro.“

„Ja, natürlich. Aber es könnte Ihr Büro sein.“

„Aha.“

„Ich gebe Ihnen einfach meine Stelle. Sie werden stellvertretender Geschäftsführer der GmbH. Was sagen Sie dazu?“

„Ich sage Ihnen mal was. Ich bin ein einfacher Arbeiter, ein ganz normaler Mensch, kein Business-Schnösel oder was, und ich habe gelernt, frei Schnauze zu reden. Wissen Sie was? Verarschen kann ich mich alleine. Ganz einfach.“

Ich wollte mich zum Gehen schicken.

„Aber nicht doch! Ich verstehe natürlich, daß Ihnen mein Angebot etwas seltsam vorkommt, aber wir können gerne einen Vertrag abschließen, wo Sie alles Schwarz auf Weiß haben. Ich habe das Schreiben schon vorbereitet, Sie müssen nur noch unterzeichnen.“

„Und was mache ich dann so als stellvertretender Geschäftsführer?“

„Naja, eigentlich nur den Geschäftsführer vertreten. Der ist nie hier, sondern tingelt lieber durch tropische Länder, die Gewinne fließen ja auch ohne ihn.“

„Das heißt konkret...“

„Daß Sie eigentlich nicht viel mehr machen müssen, als alle Zettel, die Ihnen unsere Sekretärin reicht, zu unterschreiben. Sie können diese natürlich auch vorher lesen, aber ich mache das auch nicht, und bisher ist nie etwas schiefgelaufen.“

Zehn Minuten später saß ich am Schreibtisch in dem Büro und schaute in Richtung des Fensters, wo der Herr sich gerade anschickte, sich an meinem Seil zu Boden zu lassen. Ich beachtete ihn darauf nicht mehr und spielte lieber ein wenig am Rechner, die Beine auf den Tisch gelegt und eine Zigarette rauchend. Ja, das war doch keine üble neue Stelle.

Dachte ich, bis die Tür aufging.

„Ja, was ist denn hier los?“ 

Die rothaarige Frau schien aus allen Wolken zu fallen. Ich erzählte ihr in groben Zügen, was geschehen war. Sie nickte fortwährend, zumindest schien sie meinen Bericht nicht in Zweifel zu ziehen.

„Ja, ich weiß auch nicht. In letzter Zeit findet er immer seltsamere Wege, um mir nicht begegnen zu müssen, wenn er nach Hause geht. Zuerst hat er nur angerufen und mich in irgendein Zimmer bestellt, wo dann in Wirklichkeit niemand etwas von mir wollte. Letztens hat er sich in seinem Büro eingeschlossen und ist erst nachts gegangen. Heute... wirklich, ich verstehe das nicht.“

 

Was soll ich sagen? Der Vertrag, den ich unterschrieben hatte, war natürlich ungültig. Ich war nicht stellvertretender Geschäftsführer geworden. Dafür war ich im Endeffekt über eine Stunde im Verzug bei der Fensterreinigung.

Das Büro des Stellvertreters - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/Foto-20_1024px.jpg Ruedi Strese
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