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Quelle: PIXABAY.COM

Berlin - Ich saß am Badestrand, in der Hand hielt ich eine Limonadenflasche. Sie war leer. Es war jedoch heiß, und ich war durstig. Nun hätte ich wohl aufstehen und mir am Kiosk eine neue Flasche holen können, dafür jedoch war ich wiederum zu faul. Ich befand mich in einer Zwickmühle.

Da nahten einige Kinder, und ich faßte einen perfiden Plan. Ich wollte diese für mich unter falschen Versprechungen eine Limonade holen lassen. Also rief ich sie herbei:

„Kinder, wollt ihr euch ein Eis verdienen?“

Natürlich wollten sie das. 

Ich gab ihnen zwei Mark und sagte, sie sollten mir eine Limo kaufen, von dem Restgeld dürften sie sich ein Eis holen. Der Trick dabei war, daß es kein Restgeld gab, eine Limo kostete genau zwei Mark. Die Kinder rannten los und ich lachte mir ins Fäustchen. Zu Unrecht, denn sie kamen einfach nicht wieder. Ich konnte mich über ihren Mangel an Erziehung ärgern, es nutzte jedoch nichts hinsichtlich des Hauptproblems, daß ich in der Hitze saß und nichts zum Trinken hatte.

Mir blieb nichts anderes übrig, als selbst zum Kiosk zu gehen, um mir das Getränk zu beschaffen, was ich schließlich tat. Anschließend setzte ich mich in einen der zum Kiosk gehörenden Strandkörbe. Gegenüber saß eine Dame mit Hund auf einem Klappstuhl und starrte mich ungläubig an.

„Was starren Sie so?“ fragte ich. „Noch nie einen Herren mit einer Limo gesehen?“

„Das ist es nicht,“ antwortete sie „aber Sie erinnern mich an jemanden.“

„So? An wen denn?“

„An Hannes Melch.“

„Und wer soll das sein?“

„Ein alter Schulfreund.“

„Aha. Spannend.“ 

Ich bemühte mich gar nicht erst, mein Desinteresse an dieser Konversation zu verschleiern.

„Er ist damals in diesem See beim Baden ertrunken.“ 

„Soso.“

„Er sah Ihnen nicht nur ein bißchen ähnlich, sondern genauso aus wie Sie. Naja, nur jünger eben. Als wären Sie sein eineiiger Zwilling.“

„Ich habe solche Geschichten schon oft gehört. Aber wissen Sie, es interessiert mich überhaupt nicht.“

„Das ist schade. Ich würde gerne den Menschen kennenlernen, der mich so sehr an Hannes Melch erinnert.“

„Und wieso?“ 

Im gleichen Moment ärgerte ich mich gewaltig, daß ich auch noch diese Frage gestellt hatte.

„Wissen Sie, ich möchte Ihnen ein Geheimnis verraten. Eigentlich kannte er mich gar nicht. Aber ich kannte ihn! Ich ging damals in die Nachbarschule, und er war meine große Liebe. Wie oft ich von ihm geträumt habe, damals. Ich konnte nur noch an ihn denken, es gab nichts anderes mehr für mich. Meine Mutter schickte mich damals zum Psychologen, weil ich gar nichts mehr essen wollte. Hören Sie überhaupt zu?“

„Ja, ja.“

„Sie können sagen, das war ja nur eine Schwärmerei eines jungen Mädchens, aber es war viel mehr... und ich habe mich nie getraut, ihm irgend etwas davon zu sagen. Und dann... ja, dann kam die Nachricht, ein Junge aus der Nachbarschule sei beim Baden ertrunken. Bei einem Schulausflug! Ich wußte sofort, daß er es war. Außerdem habe ich ihn auch nie wieder gesehen. Seither habe ich nie mehr daran gedacht, mich noch einmal zu verlieben.“

„Hm... soso.“

Der Hund scharrte im Sand, er versuchte, sich eine Kuhle zu graben, um nicht auf der glühend heißen obersten Sandschicht liegen zu müssen.

„Ich hätte mich nie getraut, es zu sagen, wenn er noch am Leben wäre. In gewisser Weise ein Glück, daß er tot ist, denn nun kann ich es erzählen und ... ja, ich fühle mich plötzlich so erleichtert.“

Ich blickte sie an: „Die Geschichte hat nur einen Haken. Ich bin Hannes Melch.“

Ich hatte den Eindruck, daß sie vollständig in sich zusammenfiel, nachdem sie eben noch gelächelt hatte. Ungerührt fuhr ich fort: „Und bin bislang noch nie ertrunken. Ich habe allerdings irgendwann einmal die Schule gewechselt, weil wir umgezogen sind.“

„Es ist mir unglaublich peinlich...“ sprach sie zitternd.

„Wissen Sie, ich mache Ihnen einen Vorschlag“ sagte ich. „Wenn Sie mir jetzt noch eine Limonade ausgeben, werde ich mich nachher ertränken, damit Ihre Geschichte doch noch wahr wird.“

„Das würden Sie tun?“

„Gewiß, aber nun holen Sie mir erstmal die Limo.“

„Welche Sorte?“

„Orange, bitte."

„Das ist sehr freundlich von Ihnen, Herr Melch."

„Ja, sicher."

Sie sprang förmlich auf, mit einem glücksseligen Gesichtsausdruck, und wenige Minuten später hatte ich mein Getränk.

„Und nachher..."

„Aber natürlich, Frau..."

„Saleck. Sie können mich Leonie nennen."

„Natürlich, Leonie."

„Ich vertraue Ihnen, Hannes."

„Ja, tun Sie das."

 

Sie ging mit ihrem Hund davon und sah eigentlich gar nicht übel aus. Schade, daß wir uns auf so blöde Weise kennengelernt hatten. Ich schüttelte kurz den Kopf, dann trank ich meine wohlverdiente Limonade.

Am Badestrand - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/beach-193786.jpg Ruedi Strese