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Zürich -  Einen blauen Overall hat der blondhaarige junge Mann an und braune Arbeitsschuhe, mit denen er geräuschvoll auftritt. Immer wieder blickt er auf sein Handy, dessen Navigationsapplikation gerade von ihm benutzt wird, um sein Ziel zu finden. Auf einmal erscheint vor ihm ein gigantisches Fabrikgelände in dem hohe Türme stehen, die schwarze Wolken in den Himmel ausstoßen. Nun packt er sein Handy ganz weg, da er bereits eine große Tafel mit dem Logo der Firma entdeckt hat, für welche er ab diesem Tag arbeiten wird. Wenige Augenblicke später ist er auch schon beim Eingangsbereich angelangt, wo ein Wachmann in einem Häuschen sowohl das große Portal als auch die Eingangstüre für das Personal überwacht.

Beim Wachmann angekommen, der den Mann sofort ansieht, wird ihm direkt eine Frage gestellt: „Haben Sie eine Zutrittsberechtigung?“ Als Antwort zu dieser Frage kramt Herr Naïf einen Brief hervor, den er dem Pförtner durch eine Öffnung hindurchschiebt, die sich unterhalb des Panzerglases befindet, hinter welchem der Wächter sitzt. Besonders freundlich sagt er während des Aushändigens des Briefes: „Guten Tag“, um quasi der kalten Unfreundlichkeit des Wächters entgegenzutreten. Mit dem gleichen desinteressierten Blick sieht er Herrn Naïf dann an und sagt lustlos: „Ist ok“, woraufhin er ihm den Brief wieder unter der Öffnung des Fensters hindurchstößt sowie einen Knopf drückt, der die Personaltüre öffnet.

Frustriert darüber, beim Wachmann nicht einen Funken von Freundlichkeit geweckt zu haben, läuft er auf die offenstehende Türe zu, ohne sich von ihm zu verabschieden. Als er dann hindurchgegangen ist, sieht er auf den Brief, um sich zu vergewissern, wohin er auf dem Fabrikgelände gehen muss. Die Fabrik selbst liegt in einiger Entfernung vom Tor, da auf der Fläche dazwischen Parkplätze für Lastwagen sind, an denen er nun vorbei läuft, da er auf die linke Seite des Geländes muss. Nach fünf Minuten Laufen ist er dann dort angekommen, wo er tatsächlich einen einzelnen älteren Mann entdeckt. Dieser steht dort wartend an einen Lieferwagen angelehnt, ebenso einen blauen Overall tragend sowie schwarze Arbeitsschuhe. Eine Zigarette hängt dem Mann aus dem Mund, die Herr Naïf zuerst gar nicht wahrgenommen hat, da der Mann einen weißen Rauschebart im Gesicht hat.

„Hallo, sind Sie der Herr Tâcheron?“ „Guten Tag“, sagt dieser daraufhin mit einem Lächeln im Gesicht und antwortet dann auf die gestellte Frage: “Der bin ich, Sie sind ja sogar pünktlich, also wenn Sie der Neue mit Namen Naïf sind?“ „Ja genau“, antwortet dieser auf die Gegenfrage. „Hat man Ihnen schon gesagt, was Sie hier machen müssen Herr Naïf?“ „Also in der Stellenbeschreibung stand einfach was von Abfallentsorgung.“ „Ok gut, und wenn jemand fragt, Herr Naïf, sagen Sie einfach das und nur das.“ Leicht verwundert über die Aussage, fragt Herr Naïf: „Wieso? Machen wir in Wirklichkeit etwas anderes?“ „Also, wir entsorgen Giftmüll so, dass es nicht teuer für die Firma ist.“ „Ah ok, aber ist das dann nicht illegal, Herr Tâcheron?“ „Doch, aber wenn Sie Lohn wollen, Herr Naïf, dann machen Sie das einfach oder Sie gehen wieder.“

„Ja ich brauche das Geld, Herr Tâcheron, weil meine nun eineinhalbjährige Tochter schwer behindert zur Welt gekommen ist und meine Frau deswegen starke Depressionen hat, da sie sich die Schuld daran gibt, weshalb sie nicht mehr arbeiten kann. Dabei hat es einige Familien bei uns in der Nachbarschaft, die ebenso behinderte Kinder haben. Leider habe ich auch vor circa 3 Jahren ein neues Haus gekauft, für das ich heute alleine die Zinsen der Hypothek aufbringen muss. Damals war alles noch gut, auch das Haus ist sehr schön gelegen, direkt an einem Abhang, unter dem ein Fluss verläuft, in welchem im Sommer die Leute aus der Umgebung baden gehen, auch mein Schatz früher. Aber meine Frau kann nichts mehr machen, sie liegt nur noch lethargisch im Bett, schaut fern und möchte auch unsere entstellte Tochter nicht mehr sehen. So muss ich neben der Arbeit noch den ganzen Haushalt machen und mich um die Kleine kümmern.“

„Gut, ich werte diese Aussage mal als Ja, Herr Naïf. Sie können mir direkt helfen, die Fässer dort in den Wagen zu laden.“ Zusammen gehen sie dann in eine offene Seitentüre der Fabrik, wo schon einige Fässer stehen, auf denen sich ein Totenkopf befindet. Beide halten für den Transport einen der Griffe des Behälters fest, tragen sie hinaus und hieven sie in den Wagen, bis 20 solcher Behältnisse darin verstaut sind. Anschließend setzt sich Herr Tâcheron ans Steuer und Herr Naïf auf den Beifahrersitz, woraufhin das Fahrzeug gestartet wird und losfährt. Mit langsamer Geschwindigkeit bewegen sie sich am Parkplatz der Lastwagen vorbei, zum Tor hin, das sich bei ihrem Erscheinen bereits zu öffnen beginnt. Einen kurzen Moment nur müssen sie davor warten, bis es ganz offen ist und sie hinaus können.

Während sie dann die von Laternen beleuchtete Straße entlangfahren, auf der Herr Naïf zur Fabrik gekommen ist, versucht er mit Herrn Tâcheron ins Gespräch zu kommen, das vorher wegen des brisanten Themas eher abrupt geendet hatte: „Arbeiten Sie schon länger hier Herr Tâcheron?“ „Ja das ist jetzt mein fünftes Jahr bei diesem Betrieb. Knapp drei Jahre davon sind wir an einem Ort hier in der Nähe die Flüssigkeiten ausleeren, aber wir mussten uns dann einen anderen Ort suchen, als wir aufgeflogen sind. Nun sind wir seit bisschen mehr als 2 Jahren an einem neuen Platz, wo noch niemand was gemerkt hat.“

„Ah, das ist gut, Herr Tâcheron, denn ich will ungern ins Gefängnis.“ „Musste ich auch nicht, Herr Naïf, der Betrieb hat einfach eine Buße bezahlt. Ist doch nie rausgekommen, wer genau von uns es war.“ „Ah, dann bin ich ja richtig gut abgesichert, der Lohn ist ja auch super, steigt der eigentlich trotzdem noch, Herr Tâcheron? 40 Franken pro Stunde sind ja schon viel.“ „Ja der steigt schon, von Jahr zu Jahr, Herr Naïf. Einerseits will fast niemand so einen Job machen, denn man ist einer erhöhten Gefahr ausgesetzt, weil, wenn wir mit dem Fahrzeug einen Unfall haben, spritzt uns am Ende die ganze Brühe um die Ohren. Andererseits kosten wir immer noch viel weniger, wie wenn die eine Sondermülldeponie unterhalten müssten.“ „Wow! Dann hab ich hier wirklich eine super Stelle ergattert.“

„Könnte man so sagen Herr Naïf, ah, da ist ja schon fast unser Ziel.“ Langsam fährt der Wagen auf einen Landweg, der von der Hauptstraße wegführt, in einen Wald hinein. Steil wird dann der Schotterpfad, der in einer kurvenreichen Waldstraße einen Berg hinaufführt, wo sie dann an einem Ort anhalten, der unter einer Lichtung liegt. Rechts davon geht steil ein Abhang hinunter, der durchteilt wird von einem breiten Flussbett, das dort unter der Straße hindurchläuft und links neben dem Fahrzeug hinaufführt. In der Mitte des Weges steht der Wagen nun still, auf dessen Seiten die Türen aufgestoßen werden. Beide steigen aus, gehen nach hinten, wo sie die Flügeltüren öffnen und den ersten Behälter hinausholen.

„Nun, Herr Naïf, müssen wir den Inhalt dort ins Wasser kippen, da in den Fluss hinein, aber Sie müssen aufpassen, dass Sie die Flüssigkeit nicht berühren.“ „Ja dann machen wir das Herr Tâcheron, Sie wissen ja wie es geht.“ So tragen die beiden die Tonne zum Fluss hin, wo ihnen die Lampen von nahegelegenen Häusern Licht spenden, öffnen den Deckel und kippen sie langsam zur Seite, so dass die Flüssigkeit hinauszulaufen beginnt, die eklig nach Schwefel stinkt.

Während sie so fließt und die beiden kurz warten, sieht Herr Naïf die Gegend vor sich an und sagt dann erstaunt: „Faszinierend, irgendwie habe ich ein Déjà-Vu-Erlebnis. Die Gegend kommt mir so bekannt vor und dort vorne sieht ein Haus aus wie meines, also von der Form her, der Lage und der Anzahl sowie der Positionierung der am Gebäude angebrachten Lampen, aber es ist ja schon dunkel und hier in der Gegend sieht sich sowieso vieles ähnlich. Ah, sagen Sie mal, Herr Tâcheron, damals, als Sie den Standort wechseln mussten, was war da der Grund dafür, dass man die Verschmutzung bemerkt hat?“ „Herr Naïf, das zu erfahren wollte ich Ihnen eigentlich ersparen, weil, es belastet halt das Gewissen und man fragt sich am Ende: reicht der Lohn wirklich, um das mit sich selbst zu vereinbaren?“ „Sagen Sie es einfach, wir werden ja hier wohl nicht den Grundstein für den Weltuntergang legen Herr Tâcheron?“ „Nein nein, so schlimm ist es auch nicht, aber in dem Gebiet, in dem wir damals das Zeug ins Wasser geleitet haben, haben alle Frauen, die im Fluss badeten, behinderte Kinder bekommen.“

Eine Kurzgeschichte von David Beetschen - Billige Entsorgung https://art-depesche.de/ Ruedi Strese