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Berlin - Die Mutter saß an der Straßenbahnhaltestelle, das matt quengelnde Kind in den Armen haltend. Ein anstrengender Tag war es gewesen. Die Arbeit, dann plötzlich der Anruf aus dem Kindergarten, die Diskussion mit dem Chef, der sie gerne noch eine Stunde da behalten hätte - aber sie mußte den Kleinen dringend abholen. Die Erzieherin hatte erzählt, er hätte hohes Fieber, erzählte wirre Geschichten und pfiffe sonderbare Melodien. Pfeifen? Woher sollte er das können? Die Warterei beim Arzt... nun war es genug.

Endlich kam die Bahn.

„Mama, nicht diese.“

„Was meinst du?“

„Nicht diese Bahn. Wir müssen warten.“

„Das ist unsere Bahn, die Linie 37, die uns direkt nach Hause fährt. Du mußt ins Bett, junger Mann.“

Sie küßte ihn auf die Stirn und wollte aufstehen.

„Nein, Mama. Nicht diese.“

Die Augen des Jungen leuchteten entschlossen und er riß sich aus den Armen der Mutter los.

„Komm jetzt, bitte.“

„Nein.“

Der Straßenbahnfahrer mußte diese Szene beobachtet haben, er hielt etwas länger als üblich, doch dann fuhr die Bahn weiter.

„Siehst du, jetzt haben wir die Bahn verpaßt und können noch einmal 15 Minuten warten.“

„Es ist gut, Mama.“

Die Mutter setzte sich wieder auf die Bank und der Junge kam zu ihr und schmiegte sich an.

„Trotzdem. 15 Minuten warten für nichts.“

„Es ist gut, Mama.“

Endlich kam die Bahn.

„Schnell, Mama, wir müssen einsteigen.“

„Ja, natürlich.“

Die Mutter schüttelte den Kopf.

„Schau doch erstmal, bevor du auf die Straße rennst!“

Doch da war der Junge schon eingestiegen und die Mutter folgte ihm in geringem Abstand.

„Hier müssen wir uns hinsetzen, hier ganz hinten.“

„Wir müssen aber vorne aussteigen.“

Der Junge aber rannte nach hinten, setzte sich - und schlief augenblicklich ein.

 

Einige Stationen später stieg ein Mann ein. Er war in Lumpen gehüllt und machte auch sonst einen ungepflegten Eindruck, doch hatte er eine sonderbare Ausstrahlung, ein bedeutungsvolles Gesicht und leuchtende Augen - die Mutter sah ihn, und hätte sein Alter beim besten Willen nicht schätzen können, denn er sah gleichzeitig greisenhaft, sogar steinalt, und ganz jugendlich aus.

Er trat auf die plötzlich vollkommen bewegungsunfähige Mutter zu und holte eine Flöte aus der Manteltasche und begann zu spielen, und es war, als ob die Zeit vollständig ihr Gewicht verloren hätte. Der Junge lächelte im Schlaf und der Mutter traten die Tränen in die Augen, dann wurde auch sie sehr müde, und in dem Moment, in dem ihr die Augen zufielen, gab der Mann ihr die Flöte und sprach: „Das ist ein Geschenk für Ihren Sohn. Er wird einmal ein großer Musiker werden.“ Er hatte aufgehört, zu spielen, doch in ihrem Kopf floß die Melodie weiter und bildete immer neue und zartere Zweige.

Gerade rechtzeitig, als die Station nahte, an der die Mutter und ihr Sohn aussteigen mußten, erwachten sie. Was war das für eine sonderbare Begegnung gewesen? Der Mann war fort, doch die Mutter sah das Musikinstrument in ihrer Hand und reichte es wortlos dem Jungen. Der sprach lediglich: „Er war da. Ich wußte es.“

Pansmusik https://art-depesche.de/images/Sweet_piercing_sweet_was_the_music_of_Pans_pipe_1024px.jpg Ruedi Strese