Quelle: ART DEPESCHE

Berlin - Der Museumsdirektor lief im Mittelaltersaal hin und her wie ein hungriges Raubtier in seinem Käfig. Oft schon hatten seine Untergebenen dieses Schauspiel erlebt, doch heute war es ernst.

„Sie sehen es. Eines unserer wertvollsten Stücke wurde entwendet. Ein einzigartiger Schmuckdolch, der zudem die besondere Beziehung zwischen Saladin und Richard Löwenherz belegt. Und nun? Das!“

Der Dieb war meisterhaft vorgegangen, das war das eine. Nachts unbemerkt ins Museum zu gelangen war schon eine Kunst, und der Dolch war zudem außerordentlich gesichert worden. Doch das war die Krönung. Die Vitrine war nicht leer, statt des Dolches stand dort ein Schild, wie es vom Museum selbst bei entliehenen oder noch herzurichtenden Ausstellungsstücken genutzt wurde. „Objekt in Vorbereitung“ stand darauf.

„Das ist doch das Bitterste. Der Gauner macht sich augenscheinlich über mich lustig. Über uns alle!“

Die versammelte Mannschaft guckte betroffen und hilflos, was hätte man dazu auch sagen sollen. Oder tun. Die Polizei war eingeschaltet, und der Direktor würde sich irgendwann beruhigen müssen.

Ein junger Archäologe ergriff schließlich das Wort: „Ja, aber können wir jetzt etwas machen? Am besten ist es vielleicht, erstmal den Mantel des Schweigens darüber auszubreiten. Ich meine, wenn die Sache bekannt wird, könnten sich die Besitzer einiger unserer Schaustücke aufgrund von Zweifeln an unseren Sicherheitsvorkehrungen veranlaßt fühlen, diese Leihgaben wieder aus dem Museum holen zu lassen. Das Schild dort lassen wir einfach stehen. Objekt in Vorbereitung. Das erklärt doch erstmal genug."

Der Direktor schaute ihn wütend an, nickte aber einige Sekunden später zustimmend. „Ja, Sie haben wohl Recht.“

 

Und so war laut Information für einige Zeit das Objekt im Kasten „in Vorbereitung“. Das Schild war sogar extra noch ordentlich hingestellt und befestigt worden, um den Eindruck der Ernsthaftigkeit zu verstärken.

 

Bis eines Morgens der Direktor wieder seine Untergebenen zusammenrufen ließ und mit vor Zorn feuerrotem Kopf zeterte: „Das... das... wäre das Stück doch gestohlen geblieben! Das... was ist DAS? Wer macht denn sowas?“

Der Leiter des Einsatzes der Spurensicherung trat heran und meldete: „Es haben sich keinerlei Hinweise auf den Täter finden lassen. Keine Fingerabdrücke, keine Fasern, keine Videoaufnahmen - mit Verlaub, der Mann muß ein Genie sein.“

„Ein GENIE?“ schrie der Direktor. „Ein Genie?“

„Also... rein fachlich gesprochen, so als Einbrecher...“ stotterte der Kriminalbeamte.

„Vielleicht auch noch als Künstler?"

„Das kann ich fachlich nicht beurteilen..."

„Scheren Sie sich zum Teufel!“

 

In der Vitrine lag der Dolch. Festgehalten von den Zähnen eines Kopfes aus weißem Marmor, welcher irgendwie dem des Museumsdirektors ähnelte. Genau genommen: diesen perfekt abbildete. Abgesehen davon, daß die Nase durch eine Mohrrübe ersetzt worden war. Selbstverständlich aus weißem Marmor.

Der Dolch - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/IMG_1504_1024px.jpg Ruedi Strese
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