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"Sprotten" - Kurzgeschichte von Ruedi Strese (ART DEPESCHE)

Berlin - Der frisch eingestellte Hofnarr betrat gebeugt den Thronsaal, dessen Wände ganz aus spiegelglatt poliertem Metall bestanden, worüber er sich recht ausführlich wunderte und ging einige Schritte, von links nach rechts und von rechts nach links hin und her starrend, bis er nach unten blickte und von einem plötzlichen, kurzen, doch umso heftigerem Hauch von Entsetzen gepackt wurde, denn der Boden bestand aus Glas, in welches Millionen und Abermillionen winziger silbrig glänzender Fische eingelassen waren, darunter jedoch gähnte der alles verschlingende Abgrund.

Ein Lachen schallte ihm entgegen, welches von den Metallwänden in seltsamer Weise reflektiert wurde. Ihm war, als säße er in einer blechernen Büchse gefangen, auf welcher in jedem Moment irgendein Lausejunge zu trommeln beginnen müßte.

Es war der König, der gelacht hatte.

„Tritt näher, Du Narr. Ich habe vor, mich von dir amüsieren zu lassen, was sagst du dazu?“

Der Hofnarr setzte seine bunte Kappe mit den lustig klingelnden Schellen auf, und begann, begleitet von aus dem Nichts erklingenden Lauten, ein Lied zu singen:

„Oh, es war einst

Ein Königreich

So mächtig

Und der König, 

ein Mann, 

so prächtig.

Sein Ruhm hallte

Durch Galaxien

Unter seiner Hand gediehen

All die Dinge,

die zum Ruhm

Beitrugen dem Königtum.

Da kam ein junger, wilder Ritter

Und brachte mit sich ein Gewitter

Welches das ganze Reich verwüstet...“

„Hör auf, dieses Lied ist nicht lustig.“

„Majestät, es ist doch erst der Anfang!“

„Wie dem auch sein. Ich möchte jetzt nicht, daß du singst. Oder tanzt. Oder dichtest. Das ist doch alles furchtbar langweilig.“

Der Hofnarr schwieg und fühlte sich recht nutzlos. Irgendwann fragte er: „Wie möchten Majestät denn unterhalten werden?“

„Mir wird schon etwas einfallen. Setz Dich doch einstweilen auf den Thron, Du Narr!“

Der Arme tat, wie ihm geheißen und hatte bereits aufgehört, sich zu wundern, als der König den Saal verließ. Eine ganze Weile geschah nichts, bis er ein lautes Knacken und Quietschen vernahm, das Kreischen eines schlecht geölten Getriebes. Zahnräder griffen ineinander und ein Gelächter schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen.

Dann sah er, wie sich die Decke des Saals herabsenkte und sich die Wände nach innen bogen, immer weiter und weiter, bis sie, wie gespannte Federn, begleitet von einem unerträglichen Lärm, zurückschnellten. Das Entsetzen, welches der Narr vorhin als Ahnung empfangen hatte, wurde nun manifest, der Thron, auf dem er saß, kippte nach vorne, und der Glasboden verflüssigte sich. Der Narr stürzte herab, und tauchte in den zu salzigem Wasser gewordenen Boden ein, und Millionen und Abermillionen silbrig glänzender Fische umschwärmten ihn - und stürzten sich auf ihn. Er versuchte, zu fliehen, tauchte tiefer, verließ das Wasser und fiel...

Er fiel...

... und fiel.

Dann erwachte er schweißgebadet. 

Er war gar kein Narr, sondern er selbst, wie er sich kannte. Ein Kunststudent, und er war, nachdem er von der Vorlesung gekommen war, kurz eingenickt.

Es dauerte dennoch ein wenig, bis er sich beruhigt hatte. Dann ging er in die Küche und öffnete eine Büchse eingelegter Sprotten. 

Was war das? Er lauschte. War da nicht von irgendwo eine Stimme zu hören gewesen? Er war sich ganz sicher. Eines der kopflosen Fischlein hatte in seinem Innersten zu ihm gesprochen.

„Du Narr“ hatte es gesagt.

 

Wer war er nochmal?

Sprotten - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/Sprotten_1024px.jpg Ruedi Strese