Berlin - Die Wasseroberfläche glänzte wie geschmolzenes Blei. Stundenlang hatte ich sie angestarrt, war kleinsten Bewegungen gefolgt und hatte mich über gelegentliches Treibgut, welches das Bild störte, halb geärgert, halb amüsiert. Wie in Trance war ich in Gedanken auf den leichten Wellen mitgeschwommen; Passanten mögen irgendetwas gedacht haben.

Dann war alles anders.

Plötzlich wehte kein Wind mehr, doch das Wasser blieb stehen, so, wie es sich aus dem Spiel von Lufthauch und Strömung just in diesem Augenblick ergeben hatte. Es war still. Nur mein eigener Atem war zu hören. Ich drehte mich um und fand die Welt erstarrt. Eine Schaukel hing schräg in der Luft, ein Kind saß darauf mit einem Ausdruck von Freude ins Gesicht gemeißelt. Daneben stand das junge Elternpärchen, in einem Moment der Ausgelassenheit festgehalten. Wenige Meter weiter saß eine ältere Dame auf der Bank, aus der offenen Hand strahlten ihr Brotkrümel, die von in der Luft angeklebten Möwen mit dem Blick des geübten Jägers anvisiert wurden. Das alles aber betraf mich nicht.

Die Wasseroberfläche glänzte wie geschmolzenes Blei. Ich stieg die Stufen zur Anlegestelle herab und setzte vorsichtig einen Fuß auf einen nur mit einem Beiklang von Mitleid als solcher zu bezeichnenden Wellenberg. Er gab nicht nach. Ich setzte den anderen Fuß, doch es war spiegelglatt und ich setzte mich unfreiwillig hin. Ein dünner Herr erschien und rief mit einer noch dünneren Stimme, in welcher sich Feigheit und Hochmut mischten: „Junger Mann, das geht doch nicht! Ohne passendes Schuhwerk! Warten Sie, ich leihe Ihnen welches.“ Ich betrachtete ihn angewidert und schob mich ein Stück von ihm weg. Seine Augen leuchteten rot und aus seinem Mund quoll grüner Schaum.

Die Wasseroberfläche glänzte wie geschmolzenes Blei. Ich ging ein paar Schritte, und dann merkte ich, daß sie sich bewegte, aufweichte, doch ich spürte keinen Schrecken, als ich allmählich versank. Ich wußte, es sollte so sein.

Ich befand mich in einem Raum, dessen Wände ganz aus Wasser waren, was mich an die Glasseiten eines Gewächshauses erinnerte. Allerdings waren sie nicht starr, sondern pulsierten, und die Welt dahinter verbarg sich in abweisender Dunkelheit. Ich trat an eine Wand heran und berührte sie, doch es durchfuhr mich ein gewaltiger Schmerz, der mich zu Boden warf. Ich wollte mich mühsam aufrichten, aber es ging nicht. Ich war wie zu Stein erstarrt, allerdings wurden die Wände nach und nach durchsichtig. Als ich hinaussah, sah ich ein Kind fröhlich beim Schaukeln, die jungen Eltern standen daneben und wirkten überglücklich. Eine ältere Dame saß nur wenige Meter entfernt auf einer Bank und fütterte die Möwen mit Brotkrümeln.

Kurzgeschichte - Brotkrümel für die Möwen https://art-depesche.de/ Ruedi Strese
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