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Sanddünen in der Wüste Sinai | Fast | CC BY-SA 3.0

Berlin - Endlos lag die Wüste vor mir, hinter mir das Zelt. Der Stoff war einst blau gewesen, nun war er verblaßt und zerschlissen. Ich saß auf meinem Hocker, der eigentlich ein mit Lumpen gefüllter Sack war. Gerade hatte ich meine Schüssel mit Hirsebrei umgekippt, ein Teil war auf meinem Mantel gelandet, der Rest im Sand. Ich knurrte, doch eher aus Gewohnheit, denn aus wirklichem Ärger. Derzeit hatte ich Nahrung genug, erst gestern war ein Händler vorbeigekommen und hatte mich mit allem Nötigen beliefert. 
Das waren vor allem Nahrungsmittel, natürlich. Außerdem ein neuer Eimer, um Wasser aus dem vor einer Felsformation hinter dem Zelt gelegenen Brunnen zu schöpfen; bislang hatte ich einen alten Stiefel dazu genutzt. Schließlich hatte der Händler mir einen Spielkameraden mitgebracht, einen feuerroten Gecko, wie es ihn wohl nur ein einziges Mal auf der Welt gab. Ich nannte ihn Persephones.
Persephones mußte gesehen haben, wie mir der Brei umgekippt war. Er kam gleich herbeigeeilt, denn er wußte bereits, daß sich in kurzer Zeit einige Insekten einfinden würden, und er leckte sich schon das Mäulchen. So war es dann auch, ein paar Fliegen später war er gesättigt.

Anschließend gingen wir zusammen in das Zelt. Ich trank Retsina, und Persephones kletterte die Zeltwand auf und ab. Plötzlich rief eine Stimme: 
„Guten Tag, ist hier jemand?“
Ich trat hinaus und sah ein kleines Mädchen, sie mochte vielleicht acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Sie trug ein kleines Kätzchen im Arm.
„Haben Sie vielleicht einen feuerroten Gecko gesehen?“
Ich stutzte.
„Persephones!“ rief ich.
Er eilte herbei und kletterte schnurstracks an dem Mädchen empor und setzte sich der Katze auf den Rücken, die zufrieden schnurrte.
„Ich heiße Dorothea. Die beiden sind meine Eltern" sagte das Mädchen. „Sie wurden verzaubert, als ich noch ein Kleinkind war.“
„Oh...“
Sie lächelte.
„Und nun? Wolltest du uns nicht eine Geschichte erzählen?“
Ich überlegte ein paar Minuten. 
„Ich kenne gar keine Geschichten und habe leider auch nicht sehr viel Phantasie. Darf es auch eine wahre Geschichte sein?“
„Ich liebe wahre Geschichten!“ rief das Mädchen. „Zumindest, wenn sie nicht zu traurig sind" fügte sie hinzu.

Also fing ich an, zu erzählen:
„Also, als ich noch klein war, so wie Du jetzt ungefähr, ein kleiner Junge, da gab es diese Wüste hier noch gar nicht. Da war hier ein fruchtbares Land, es gab Wälder und Wiesen - dort hinten, wo jetzt der kahle Fels steht, war ein Weinberg, und meine Eltern stellten ihren Wein selbst her, sie mußten sich keinen Retsina im Internet - ach, was rede ich - beim fahrenden Händler bestellen. Und überall sangen Vögel, flogen Schmetterlinge, nicht weit von hier floß ein kleines Bächlein, wo wir als Kinder baden gehen konnten...“
„Von diesem Land haben meine Eltern berichtet, sie haben ebenfalls einmal hier gelebt, und auch ich wurde hier geboren - deshalb bin ich nun hergekommen. Ich hatte aber auch etwas anderes erwartet...“
„Ja, das ist schon einige Jahre vorbei.“
„ Aber was passierte dann?“
„Oh, es ist doch eine traurige Geschichte...“
„Trotzdem!“
„Das Land wurde von einem gütigen König regiert und die Menschen lebten glücklich in seinem Reich, bis ein böser Hexenmeister kam. Er vergiftete die Seelen vieler Menschen, und verwirrte ihren Geist, und Schatten breiteten sich aus. Der Hexenmeister redete den Menschen ein, der König sei schuld und sie sollte doch selbst herrschen, also töteten sie ihn und schufen sich viele Throne, denn jeder von ihnen wollte Herrscher sein, doch sie konnten nichts anderes tun als das, was der Hexenmeister ihnen empfahl. Bald erließen sie ein Gesetz, welches die Nutzung einer widersinnigen Sprache vorschrieb und alle, die versuchten, sinnvolle Sätze zu sprechen, wurden in Tiere verwandelt und verbannt. Der Hexenmeister aber sah, daß noch immer das Bächlein floß und die Vögel sangen, und da in seinem Innersten nur Wüste war, konnte er all dieses Leben um sich nicht ertragen, denn er wurde sich der eigenen Leere bewußt, wann immer er es sah, und er befahl, das Land trockenzulegen. Das taten die Menschen, die ihm ganz hörig waren, und die Wüste wuchs. Das ganze Land war bald nur noch eine Wüste, doch die Menschen tanzten und feierten in wirren Reden den Hexenmeister als ihren Erlöser, bis sie irgendwann alle verdurstet waren...“
„Und der Hexenmeister?“
„Es heißt, er habe ein anderes Land gesucht, welches er beherrschen könnte... aber ob er eines gefunden hat? Ich weiß es nicht. Ich glaube, es gab damals schon nur noch dieses hier.“

Ich sah Dorothea an, wie sie die Katze in den Armen hielt und der Gecko auf ihr herumkletterte. Mir fiel ein, daß ich auch ein Zauberer war, wenn auch nicht sehr mächtig, und ich lächelte traurig.
„Ich könnte Deine Eltern wieder zurückverwandeln...“
„Nein“ antwortete das Mädchen. „Es ist wohl besser so...“
„Ja.“ 

Dann wandte sie sich um und ging.
„Warte!“ rief ich. „Wo willst Du überhaupt hin?“
„Ich weiß es nicht. Die Welt ist schon zu Ende. Irgendwohin ins Nirgendwo.“
„Du kannst bei mir bleiben, wenn Du willst. Ich baue ein zusätzliches kleines Zelt für Dich und Deine Eltern.“
„Meine Haustiere, meinst Du.“
„Ja.“

So kam ich auf meine alten Tage noch zu einer wunderbaren Ziehtochter und zwei Haustieren, die uns viel Freude bereiteten. Der Gecko behielt seinen Namen, Persephones, die Katze nannten wir Euphrosyne. So lebten wir, bis ich eines Tages gerufen wurde, und nun sitze ich hier an einem kleinen, plätschernden Bächlein und warte auf Dorothea. In 64 Jahren wird es soweit sein, wie mir durch einen geschwätzigen Engel verraten wurde. Zusammen werden wir dann hier weilen, so lange es uns beliebt, und irgendwann werden wir gemeinsam herabsteigen, um in einem neuen Leben und in einer neuen Welt, aus der selben Mutter Schoß eine neue Reise anzutreten.

Der Gecko - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/DesertSinai_1024px.jpg Ruedi Strese