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Quelle: ART DEPESCHE

Berlin - Es war ein schon unangenehm heißer Sommertag, als der Wanderer an dem kleinen Tümpel vorbeikam. Springkraut bildete den ersten Saum um das Gewässer, dann folgte ein dichter Schilfbestand, doch von der Straßenseite her war es durchaus möglich, ohne Berufserfahrungen als Machetero problemlos an das Wasser zu kommen; eine Stelle von knapp zwei Metern Breite war unbewachsen.

Der Wanderer ging an das Wasser heran und bemerkte eine riesige Schar von Wasserläufern, welche auf der Tümpeloberfläche ihrem Dasein nachgingen. Er war als Kind gerne auf dem Eis Schlittschuh gefahren und hatte sich damals für gut gehalten, dies fiel ihm plötzlich ein, doch er sah augenblicklich, daß diese Tiere in ihrer recht ähnlichen Disziplin unendlich überlegen waren.
Er zog die Schuhe und Socken aus, krempelte die Hosen hoch und watete langsam durch das flache Wasser, bis er an einen ins Wasser hängenden Ast gelangte, auf welchem er sich niederließ und schwermütig seufzte.
Er blickte auf die Wasseroberfläche und sah, wie die Wasserläufer um seine Beine herum Pirouetten drehten. Es war ein ganz vorzügliches Ballett. Eines der Tiere war deutlich größer und trug eine goldene Kopfbedeckung. Es sprach: „Was schaust du so traurig?“
„Wie ihr wäre ich gerne, doch ich bin hier gefangen mit meiner elend plumpen Gestalt, erdenschwer...“
„Bist du es nicht, der sich für dieses Dasein entschieden hat? Was hindert dich daran, ein Wasserläufer zu werden und mit uns den Sommer zu genießen, statt schwitzend die staubige Straße entlang zu wandern?“
„Oh, ich wandere freiwillig, so ist es nicht. Nur ist es heute heißer, als es mir recht sein kann.“
„Und was machst du sonst?“
„Ich arbeite.“
„Auch freiwillig?"
„Na, von irgendwas muß man ja leben..."
„Wir arbeiten nicht. Und uns gefällt es hier sehr gut auf unserem Tümpel.“
„Ach ja...“
Das Tier schaute den Mann mitleidsvoll an. Dann murmelte es einige Silben und schwang seinen Zauberstab. Und so kam es, daß Lenny Niebuhr, Angestellter einer bekannten Fastfood-Kette, vom nächsten Montag an zur allgemeinen Verwunderung nicht mehr auf der Arbeit erschien.

RS 9/2015

Die Wasserläufer - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/IMG_1554_1024px.jpg Ruedi Strese