Quelle: ART DEPESCHE

Berlin - Der alte Mann stieg die Treppe hinauf. Im Treppenhaus sah er ein Bild an der Wand, welches ihm seltsam vertraut vorkam. Es zeigte drei Damen und einen Jungen, welche anscheinend zu einer Art spiritistischer Sitzung um einen kleinen runden Tisch saßen.

Auf dem Tisch standen vier Gläser mit Rotwein sowie mehrere volle und auch leere Flaschen, dazu eine kleine blau-weiße Porzellanschale, in welcher Räucherwerk am Glimmen war. Ein starker Rauch stieg empor und formte sich zu mehr zu ahnenden als zu sehenden Gesichtern. Der Junge und eine der Damen blickten auf den Rauch, als führten sie mit ihm Gespräche. Die beiden anderen Damen schauten einander an, mit einem Gesichtsausdruck, welcher Neid und Sehnsucht umschloß. Jetzt erst fiel dem Betrachter auf, daß diese beiden ganz gleich aussahen, es mußten Zwillinge sein oder zweimal die selbe Person. Er schüttelte den Kopf, blieb noch eine Weile stehen und ging dann weiter.
Schließlich kam er an die Tür mit dem richtigen Namensschild und klingelte. Die Tür öffnete sich, doch niemand war zu sehen. Er wartete etwas, dann trat er ein.
„Guten Tag!“ rief er.
Nichts geschah.
„Guten Tag! Ich bin es, Frank S. Ich sollte mir Ihr Ölgemälde ansehen und den Wert schätzen.“
Nur in seinen Gedanken hörte er eine Stimme, die ihn bat, in das Wohnzimmer zu treten und sich zu setzen.
Er erkannte den Tisch, es war der von dem Bild im Treppenhaus. Auch der Rest der Szenerie war identisch, die Gläser und Flaschen standen in exakt der selben Anordnung, auch die kleine blau-weiße Porzellanschale befand sich dort, in ihrer Mitte eine Melange aus Tannennadeln, Weihrauch und Holunderblüten. Nur, daß niemand an dem Tisch saß.
Wieder rief er: „Guten Tag!“ und dann „Ist da jemand?“
Als weiterhin keine Reaktion kam, setzte er sich einfach an den Tisch, auf den Sessel, auf welchem auf dem Bild der Junge gesessen hatte.
Das Weinglas vor ihm war zu einem Viertel gefüllt, und er nahm es und trank einen Schluck. Gleichzeitig leerten sich auch die anderen Gläser, welche auf dem Tisch standen, ein wenig. Er trank aus, und die anderen Gläser waren ebenfalls leer. Er nahm eine Flasche, goß sich ein und die anderen Gläser füllten sich gleichsam wieder.
Das Geschehen war wohl eigenartig genug, doch was dem alten Mann gänzlich unverständlich war, war, daß es ihm dabei vollkommen selbstverständlich vorkam und keinerlei Erklärung verlangte. Er nahm Zündhölzer, welche auf einem hübschen Beistelltisch aus der Zeit des Jugendstils lagen, und brachte das Räucherwerk in der Schale zum Glimmen. Nach kurzer Zeit kam es zu einer sehr starken Rauchentwicklung und er atmete den angenehmen Geruch tief ein. Er fühlte sich angenehm leicht und fand sich plötzlich ein wenig über dem Sessel schwebend.
Er blickte in den Rauch und vernahm leise Stimmen, welche lebhaft zu diskutieren schienen, erst ganz leise, dann immer deutlicher werdend, dann sah er die Gesichter der Damen, welche er kurz zuvor auf dem Bild gesehen hatte. Es waren allerdings lediglich zwei, von den zwei gleichen Gesichtern fehlte eins. Es schaute den alten Mann an und lachte.
„Ach, Herr S., sehen Sie, Sie hatten Recht, ich hatte den Fehler gemacht, mich mit mir selbst zu streiten, obwohl mir das Gleiche gehörte wie mir und kein Grund zum Neid bestand. Ich dachte immer, der Besitz von mir wäre besser als mein eigener, aber das war natürlich Unsinn. Natürlich, sage ich jetzt! Die ganzen Jahre habe ich mich darüber gestritten. Also, ich habe mich wieder vertragen.“
Herr S. schmunzelte.
„Ja, und auch ich bin älter und weiser geworden.“
„Ach, und wie gut und frisch Sie aussehen!“
„Ich bin 87 und fühle mich auch so, aber wenn Sie meinen, mir schmeicheln zu müssen, werde ich Ihnen das selbstverständlich verzeihen.“
„Und er hat sich keinen Deut geändert! Sylvia, schau doch mal! Unser Gast ist zurück!“
Nun sah auch das andere Gesicht aus dem Rauch ihn an.
„Sie haben sich ja wirklich nicht verändert, Sylvia“ rief nun Herr S. „Abgesehen davon, daß Sie damals in Fleisch und Blut vor mir saßen. Damals waren Sie vielleicht dreimal so alt, heute sehe ich viel älter aus.“
„Ja, so ist das“ sagte die Angesprochene.
Nun wandte sich ihm die andere wieder zu.
„Wissen sie, Sie haben sich ganz schön Zeit gelassen. Wenn wir uns nicht die ganzen 70 Jahre - wissen Sie, 70 Jahre! - so gut amüsiert hätten, würde ich Ihnen heute glatt einen Vorwurf daraus machen. Sie wollten doch damals lediglich einen Schluck Wasser aus der Küche holen. Und dann kommen Sie einfach nicht wieder!“
In diesem Moment erinnerte sich der alte Mann. Er war damals, zu seinen Abiturzeiten, in einem Café einem hübschen Mädchen begegnet und hatte sich mit ihr angeregt unterhalten. Er wußte, daß er sie wiedersehen mußte, und es gelang ihm, ihre Telefonnummer zu bekommen. Sie hatten in den nächsten Tagen jeden Abend am Telefon miteinander gesprochen und alles war ganz klar gewesen. Vollkommen klar. Doch dann war sie einfach nicht mehr zu erreichen gewesen. Er war darüber unendlich traurig gewesen, bis er eines Tages einen Zettel in seinem Briefkasten fand. Darauf standen in filigraner Handschrift eine Adresse, eine Uhrzeit und die Worte „Wir sehen uns.“
Er war dann zu der angegeben Zeit zu dem benannten Ort gegangen und war enttäuscht und wohl auch verärgert, doch vor allem zutiefst unglücklich gewesen, als nicht das hübsche Mädchen, sondern eine ältere Dame ihm die Tür geöffnet hatte. Dennoch schien man mit ihm gerechnet zu haben. Er war dann gebeten worden, an dem Tisch neben zwei gleich aussehenden, ebenfalls älteren Damen Platz zu nehmen und hatte dem Folge geleistet, deutlich verschüchtert. Was darauf geschehen war, war so absonderlich gewesen, daß er es später einfach vergessen hatte, vergessen mußte. Die Dame, welche die Tür geöffnet und sich als Sylvia vorgestellt hatte, hatte etwas Räucherwerk angezündet und seltsame Formeln vor sich hin gebrabbelt, während die beiden gleich aussehenden Damen unentwegt am Streiten gewesen waren. Mit wenigen Einwürfen hatte er versucht, den Streit zu schlichten, doch er war sich in dieser irren Situation hauptsächlich fehl am Platze vorgekommen und hatte schließlich den ersten Vorwand genutzt, in die Küche zu gehen und aus dem Küchenfenster zu steigen, um sich am draußen wachsenden Efeu hinabkletternd in Sicherheit zu bringen.
Nun war er also wieder hier, bei Sylvia und den beiden anderen Damen, die nun eine geworden waren. Ja, natürlich. Er erinnerte sich an alles. Wehmütig dachte er auch an das Mädchen, welches ihn damals, in seinen jungen Jahren, wohl hierher gelockt hatte.
„Nein, ich hatte dich nicht vergessen!“
Es war doch ihre Stimme, er erkannte sie sofort.
Er schluckte.
„Ich hatte dich rufen lassen, um mit dir sprechen zu können, doch du bist leider zu früh gegangen.“
Wieder schluckte er.
„Ich war genauso traurig wie du, damals. Traurig, todtraurig. Ich hatte dich nicht vergessen, ich war sehr krank geworden und hatte gehen müssen.“
Dann sah er ihr Gesicht, hinter den beiden anderen aus dem Rauch herausschauend und dann in den Vordergrund tretend, während die anderen verblaßten.
„Aber ich wußte, du würdest wieder kommen."
Der alte Mann war erschüttert, und ja, eine kleine Träne floß seine faltigen Wangen herab.
„Komm jetzt, es ist an der Zeit“ sprach sie.
Eine Hand streckte sich ihm entgegen, und dankbar nahm er sie. Er fühlte sich vollkommen schwerelos und sah nur flüchtig und ohne, daß es ihn berührte, wie sein Leib unter ihm auf dem Sessel zusammenfiel. 

„Seltsam. Diese Wohnung war doch seit 70 Jahren unbewohnt.“
Der Hausmeister und der Polizist hielten sich Tücher vor Mund und Nase und versuchten, so flach wie möglich zu atmen. Der süßliche Gestank war kaum zu ertragen. Mieter hatten sich beschwert, und als er zuerst eingetreten war, war ihm sofort klar, warum. Da lag eine Leiche in einer sonst vollkommen leeren Wohnung. Anscheinend schon seit Wochen.
„So eine großartige Wohnung, in dieser Gegend, und dann seit 70 Jahren Leerstand?“ Der Polizist schaute ungläubig.
„Ja, aber wissen Sie, die Miete war all die Jahre pünktlich eingegangen. Meine beiden Vorgänger hatten wohl schon die gleiche Situation. Früher soll hier so eine Psycho-Tante gelebt habe, steinreich, aber die hatte einen Sprung in der Schüssel, mit Geistern und so. Ist wohl irgendwann weggezogen, hatte aber den Vertrag nicht gekündigt. Das Geld kam immer, von verschiedenen Konten, ganz komisch. Aber ich habe da nie weiter nachgefragt, als Hausmeister freut man sich ja, wenn nichts zu tun ist, weil keiner da ist, um was kaputt zu machen. Ach ja, der Vermieter wollte wohl auch noch eine Anzeige machen, weil ein Gemälde im Hausflur zerstört wurde. Irgendein Bekloppter muß die ganze Farbe abgekratzt haben oder was, da hängt nur noch eine leere Leinwand. War angeblich wertvoll. Keine Ahnung, warum sowas dann überhaupt im Hausflur hängt. Naja...“

Das Wiedersehen - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/IMG_1718_1024px.jpg Ruedi Strese
©2020 ART-Depesche.