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Ruedi Strese "Maritimer Besuch", 2015 | Quelle: ART DEPESCHE

Berlin - Der Herbst hat wieder einmal begonnen, der Nebel kraucht aus den Tiefen des Waldes in die Stadt, umschleicht die Gebäude, dringt in die Gedanken ihrer Bewohner. Das alte Schauspiel, das alte Leid.

Meine Stereoanlage beschallt mich mit melancholischer Musik, dem Album „Forever Autumn“ einer schwedischen Gruppe namens Lake Of Tears. Genau das, was ich jetzt brauche. Ich versuche, mich zu den schwermütigen Klängen hektisch zu bewegen. Ein ungewöhnliches Experiment ist es schon, und ja, nach wenigen Minuten sehe ich das auch ein und lasse ab von meinem schändlichen Tun. Doch was nun? Der Fernseher steht vor mir und glotzt mich an. Es ist, als starrte ich in eine unendliche Leere, meine Augen tun bald weh und ich stelle betrübt fest, daß es Fernsehern, auch wenn sie in Asien hergestellt wurden, gänzlich an asiatischer Höflichkeit fehlt. Ich werde jetzt auch keinen Versuch wagen, in diese mir unsympathische TV-Welt hineinzukriechen, sollte der Wunsch nach Zerstreuung auch noch so penetrant an mir nagen. „Nein!“ schreie ich in die unendliche Begrenztheit meiner Zweiraumwohnung. Wie ein Schneeleopard im Käfig laufe ich hin und her, auf und ab und die Decke entlang, dabei die Schwerkraft schlichtweg ignorierend. Ich bin ja alleine, niemand beobachtet mich, niemandem muß ich über mein den wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten widersprechendes Verhalten Rechenschaft ablegen.
Eine Spinne hat sich in einer der Ecken ein Netz gebaut und bemüht sich redlich, eine dicke Fliege oder auch einen zu klein geratenen Dinosaurier liebevoll zu umgarnen, ich jedoch zeige mich gegenüber ihren Bemühungen vollkommen unaufgeschlossen, scheuche sie aus dem Fenster und drohe ihr mit Gewalt, sollte sie sich noch einmal anmaßen, in meiner Wohnung fremde Tiere zu verführen. 
Ich versuche, mich durch einen weiteren Spaziergang an der Zimmerdecke abzulenken, als es ganz unverhofft klingelt und ich mit meinem Kopf auf dem Parkett lande. Heiliger Schmerz! Ich kann von Glück reden, daß mein Fußboden nicht aus Diamant hergestellt wurde, doch so ist es schon schlimm genug.
Noch immer etwas benommen wanke ich zur Tür. Wer das wohl sein mag? Mit aller Vorsicht wage ich einen Blick nach draußen. Ich fasse es nicht! Vor mir steht die schönste Frau, die ich je gesehen habe, die nebenbei bemerkt auch den größten Rucksack trägt, den ich je gesehen habe. Ob ich einen Moment Zeit für sie habe, will sie wissen. „Gewiß!“ denke ich, ohne zu lügen, und lasse sie wortlos herein.
Einige Minuten schweigen wir uns an, schließlich frage ich mich, ob sie einen Tee trinken möchte, worauf sie diese nicht ausgesprochene Frage persönlich mit einem Ja beantwortet. Sie kann also meine Gedanken lesen. Kein Problem für mich, meine Gedanken sind frei von Geheimnissen. Dennoch brennt es mir unter den Fingernägeln, warum sie ausgerechnet bei mir klingelt. Schließlich reagiert sie auf die Frage, die ich eigentlich ebenfalls nur mir selbst gestellt habe: „Dürfte ich meinen Rucksack vielleicht bis morgen bei dir lassen?“
„Warum nicht?“ antworte ich. „Gut“ sagt sie, „dann gehe ich jetzt wieder.“ 
Und schon ist sie verschwunden. Mich wundert heute gar nichts mehr, nichtsdestotrotz erwacht mein Interesse, als ich aus dem Rucksack plötzlich eine Art Quieken oder Quaken vernehme. Um meine Neugier zu befriedigen, öffne ich nach einer Weile doch den Rucksack. „Aha.“ Denke ich. In dem Beutel befindet sich ein zwei Meter großer Delphin, etwas geknickt zwar, aber immerhin: ein echter, lebender Delphin.
Ich betrachte ihn mit kindlicher Naivität, bis er schließlich aufsteht und anfängt, seine Stimme zu benutzen:
„Guten Tag. Ich bin der Delphin.“ „Das sehe ich“ antworte ich. „Ich bin aber ein ganz besonderer Delphin, ich kann nämlich sprechen!“ „Ach nee.“ Irgendwie beginnt der Kerl, mich zu langweilen, doch er hört nicht auf, zu reden: „Wenn du mich mit Wasser beträufelst, hast du einen Wunsch frei!“ „Was soll ich mir denn wünschen?“ frage ich verständnislos. „Was du willst.“ antwortet er.
Schnell gehe ich zum Wasserhahn und hole ein Glas mit Wasser. Nachdem ich den Delphin beträufelt habe, wiederholt er sein Angebot. „Na gut“ sage ich „dann wünsche ich mir, daß im ARD jeden Tag drei Stunden lang Lolek und Bolek läuft, und zwar ohne Werbeunterbrechung!“ „Kein Problem“ meint der Delphin.
Langsam neigt sich der Tag dem Ende zu, ich schalte den Fernseher ein. Nirgendwo Lolek und Bolek. „Ist heute schon vorbei“ sagt der Delphin. Also begebe ich mich zu Bett.
Am nächsten Morgen, ich döse noch ein wenig herum, klingelt es wieder. Es ist die wunderschöne Frau von gestern. „Darf ich meinen Rucksack abholen?“ fragt sie. Er gehört ja Ihnen“ stelle ich fest. Ich gebe ihr den Rucksack, in welchen ich den Delphin wieder sorgsam eingepackt habe, und schon ist sie verschwunden.
Ich denke einige Minuten nach und werfe den Fernseher aus dem Fenster. Wer möchte schon gerne enttäuscht werden?

Der Delphin - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/IMG_0305_gross_1024px.jpg Ruedi Strese