static-aside-menu-toggler
gkSearch
Impressionen zu "Das Eichenblatt" von Ruedi Strese | Quelle: ART DEPESCHE

Berlin - Er bremste abrupt. Was war das gewesen? Irgendetwas hatte er überfahren. Ein kleines Tier. Die Straße, welche den Berg hochführte, war kaum befahren, deshalb leistete er sich den Luxus, am Rand anzuhalten und nachzusehen.

Er mußte etwa zehn Meter zurück gehen, dann sah er es. Es war lediglich ein Blatt. Ein Blatt einer Stieleiche, doch merkwürdig groß geraten, es war ein gutes Stück länger als seine gewiß nicht kleinen Füße. Er hob es auf, um es genauer zu betrachten. So etwas hatte er bestimmt noch nie gesehen. 
Auf jeden Fall würde er es mitnehmen, um es den Kindern zu zeigen. Allerdings... dieses war schon stark beschädigt, es müßte aber doch in unmittelbarer Nähe einen Baum geben, von welchem es stammte, dort fänden sich gewiß weit schönere Exemplare. Vielleicht sogar noch größere?
Er sah sich um, doch konnte den Baum nicht erblicken. Seltsamer noch, nirgends war überhaupt eine Eiche zu sehen. Es gab Fichten und Buchen, hier und dort eine vereinzelte Birke. Vielleicht etwas tiefer im Wald? Er hatte genug Zeit. Und was sprach gegen einen kleinen Spaziergang? 
Er ging ein Stück weiter die Straße entlang, bis er an einen kleinen Waldweg kam. Diesem folgte er. Nach einigen Stunden gelangte er an eine Lichtung, auf welcher auf einem Baumstumpf ein kleines, altes Kerlchen saß und recht irrsinnig kicherte. Der Mann schaute verwundert, bis sich der Zwerg ihm zuwandte: „Sie suchen bestimmt die Eiche mit den großen Blättern, oder?“
„Ja, aber woher wissen Sie das?“
„Jeder, der hier entlang läuft, tut dies, weil er die Eiche mit den großen Blättern sucht.“
„Ach, und wissen Sie, wo sie ist?“
„Ja, ich könnte Ihnen schon einen Hinweis geben.“
„Das klingt gut.“
Der Zwerg kicherte wieder.
„Ja, das ist gut.“
„Und wo finde ich diese Eiche?“
Der Zwerg sah ihn lange an.
„Sie werden sie nie finden!“ rief er schließlich.
„Warum nicht?“
„Weil es sie nicht gibt!“
„Aber ich habe ja wohl das Blatt gefunden!“
„Sie sollten nicht so leichtgläubig sein, junger Mann.“
„Sie wollen mir doch nicht sagen, daß da auf einer kaum genutzten Straße durch den Wald unechte Blätter rumliegen!“
„Doch, genau das will ich.“
„Ach, hören Sie auf!“
„Haben Sie das Blatt noch? Schauen sie es doch mal an!“
Der Mann besah das Blatt, welches er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, und stellte fest, daß es tatsächlich, einschließlich vorgetäuschter Zeichen eines einsetzenden Verwesungsprozesses, aus einem ihm völlig unbekannten Stoff gemacht war. Warum war ihm das vorhin nicht aufgefallen? Die Antwort lag auf der Hand: wer rechnete schon damit, an solch einer Stelle, am Wald, wo alles voll war von Bäumen, ausgerechnet ein künstliches Blatt zu finden?
„Sehen Sie!“ rief der Zwerg.
„Ja, ich sehe es.“
„Ich sagte es ja.“
„Und woher wußten Sie das?“
„Ich habe das Blatt selbst dort hingelegt.“
„Das ist doch wirklich Unsinn! Warum sollten Sie so etwas tun?“
„Um Ihre Zeit zu verschwenden, junger Mann“ lachte das alte Männlein.
„Das haben Sie wohl erreicht. Spitze.“
„Hihi“ kicherte der Zwerg.
Der Mann schüttelte den Kopf und schlenderte von dannen, wobei er den Alten weiter kichern hörte. Nach einigen Metern wandte er sich jedoch um und ging zu diesem zurück, nun mit einem Schmunzeln im Gesicht.
„Was...?“ 
Der Zwerg starrte ungläubig.
„Ich möchte Ihnen danken“ sprach der Mann.
„Sie mir danken? Wofür?“ fragte der Alte verunsichert.
„Für dieses Erlebnis. Wissen Sie, Sie haben meine Zeit gar nicht verschwendet, denn wenn ich nach Hause komme, bringe ich meinen Kindern nicht nur dieses seltsame Blatt mit, ob es nun echt ist oder nicht, sondern dazu noch eine total verrückte Geschichte, die sie zum Lachen bringen wird. Dafür danke ich Ihnen!“
Dann trat der Mann den Weg zurück zu seinem Wagen an.
Der Zwerg aber sank auf seinem Baumstumpf zusammen und schluchzte bis zum Ende der Zeit.

Das Eichenblatt - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/IMG_1672_1024px.jpg Ruedi Strese