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Berlin - Ich saß, wie schon oft, am Ufer des Sees und warf Pflastersteine, schöne, perfekt kubische Gebilde, die exakt mit einer ihrer quadratischen Seiten auf der spiegelglatten Wasseroberfläche aufschlugen, so wunderbar beherrschte ich die Kunst des Steineschmeißens! Was mich indes ärgerte, waren die Kreise, welche mit dem Eintritt in das Wasser von den geometrischen Gegenständen ausgingen. Sollten es nicht besser Quadrate sein? Ich dachte lange darüber nach und übte fleißig, irgendwann hatte ich es selbstverständlich gelernt, sich quadratisch ausbreitende Wellen zu erzeugen. In Folge beschäftigte ich mich ausführlich mit vergleichbaren Übungen komplexerer Natur; ich warf Gebilde verschiedenst gestalteter Oberflächen in das Wasser und erzeugte entsprechende Wellenmuster. Nachdem ich so weit gekommen war, beschloß ich, dieses Kapitel meines Lebens als abgeschlossen zu betrachten.

Schließlich ging ich ins Gebirge, um weitere Dinge zu lernen. Als ich den Gipfel des höchsten Berges erreicht hatte, machte ich Rast und bemerkte eine Flechte, welche ob ihrer seltsamen Gestalt meine Aufmerksamkeit erregte; sie erinnerte mich an meinen ehemaligen Schulfreund Jeremias Sillich. Ich betrachtete sie eine gute Weile und gab ihr entsprechend den Namen „Jeremy“. Mir fiel ein, daß mein Schulfreund damals wenig Erfolg bei den Mädchen hatte, also nahm ich eine kleine Flechte von anderer Stelle und heftete sie an die Seite seines pflanzlichen Abbilds.

Dann ging ich wieder ins Tal, in die kleine Stadt, und wen traf ich da plötzlich, nach vielen Jahren? Jeremias Sillich! Neben ihm lief eine hübsche junge Frau. Er erkannte mich sofort, und ich nahm ihn kurz zur Seite, um ihn auf seine Begleitung anzusprechen. „Sie heißt Tanja - du wirst lachen“, sagte er „wir haben uns gerade erst kennengelernt, und es war Liebe auf den ersten Blick!“ Ich war durchaus erstaunt und beglückwünschte ihn.

Drei Monate später stieg ich wieder auf den Berg. Erneut fand ich die Flechte Jeremy mit der ihm beigesellten kleineren Flechte, und ich setzte zwei weitere, ganz kleine Flechten hinzu. Als ich im Tal ankam, begegnete mir der alte Freund mit seiner Freundin und einem Kinderwagen, darin lagen zwei zarte Knaben. „Ich freue mich für Dich, Jeremias… aber nach nur drei Monaten? Du hast mich letztes Mal wohl verschaukelt, ihr kanntet Euch schon länger, oder?“ „Nein“ meinte er ernsthaft, dann lachte er „weißt Du, manchmal geschehen doch noch Wunder!“ Ja, Wunder… die ich… vielleicht… mit der Flechte…?

Waren nicht aller guten Dinge drei? Ein letztes Mal zog es mich hinauf in die Bergeshöhe, zur Flechte Jeremy, die ich sofort wieder fand. Ich saß einige Zeit vor dem seltsamen Gewächs und dachte nach. Graugrün, alt, trocken. Ich war doch jung und frisch - und da glaubte ich an magische Handlungen an primitivem Pflanzenschorf... „Was soll das eigentlich?“ fragte ich mich plötzlich. „So ein Unsinn – als ob das Leben dieser dummen Pflanze und ein Menschenleben zusammenhängen könnten.“ Erzürnt über meinen lächerlichen Aberglauben riß ich Jeremy von seinem Stein und warf ihn fort. Bloß wieder in die Stadt zurück - die dünne Höhenluft hatte mußte meinem Verstand abträglich gewesen sein!

In der Stadt kam mir Tanja entgegen. Sie bemerkte mich nicht, starrte nur vor sich hin, die Augen tief gerötet, sie mußte schrecklich geweint haben. Ich hielt sie an und erfuhr, daß Jeremias plötzlich gestorben war... der Mann ihres Lebens...

Was hatte ich getan? So schnell ich konnte, stieg ich den Berg hinauf. „Jeremy! Jeremy! Jeremy!“ Es machte mich wahnsinnig, doch konnte ich die Pflanze nicht mehr finden, abends brach ich nach langer Suche erschöpft zusammen und verbrachte die Nacht frierend zwischen Geröll und spärlicher Vegetation, auch die nächsten Tage verbrachte ich suchend, ohne Erfolg. Mit letzter Kraft schleppte ich mich wieder ins Tal. Dort besserte sich meine Gesundheit bald wieder, doch ein Schatten blieb, der mich mein Leben nicht verlassen sollte.

Ich sitze jetzt wieder desöfteren am Ufer des Sees und werfe eckige Gedanken in das Wasser, doch auf der Oberfläche bilden sich lediglich Kreise.

Ganz unerwartet war der Optiker Jeremias Sillich verstorben. Er hinterließ eine Frau und zwei Kinder. Waren diese Kinder auch genaugenommen nicht von ihm gewesen (die Frau war während ihrer Schwangerschaft von deren eigentlichem Erzeuger verlassen worden), hatte der herzensgute Mann sich doch ihrer angenommen, als wäre es sein eigen Fleisch und Blut. Leider hatte er seit langem an einer Herzkrankheit gelitten, die er jedoch vor seinen Mitmenschen, selbst guten Freunden, erfolgreich zu verbergen gewußt hatte.

Kurzgeschichte: Kleine Wellen https://art-depesche.de/ Ruedi Strese