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Tofu

Berlin - Nach langer Wanderung kam ich in eine kleine Stadt, und da mich dürstete und ein regelrechter Heißhunger mich überfiel, betrat ich die Markthalle. Als Vegetarier freute ich mich, einen kleinen Bioladen zu entdecken.

Ein Schild pries die Sonderangebote, heute gab es Tofuwurst, Geschmacksrichtungen Basilikum, Tomate, Knoblauch – und Mensch! Ungläubig starrte ich den Verkäufer an. „Kein Grund zur Sorge“ erklärte dieser verschmitzt lächelnd, ist alles künstliches Aroma, kein Fleisch dran!“ So richtig beruhigt war ich nicht.
„Und was ist das?“ fragte ich. Meine Augen waren auf einen Kasten gefallen, in dem ebensolche bereits lagen. Manche blau, aber die Farbe braun überwog. „Nein, nein“ sagte der Verkäufer „nicht, was sie denken! Sehen aber täuschend echt aus, oder? Das wächst hier an solchen Bäumen in der Nähe, ist also, wenn's darum geht, rein vegetarisch.“ Da er mich zum kostenlosen Probieren aufforderte und mir doch ganz ehrlich schien, nahm ich einige dieser augenähnlichen Früchte. Ich muß sagen, geschmacklich waren sie wohl etwas streng, doch nicht unbedingt schlecht.

Nachdem ich in der Stadt Hunger und Durst gestillt, sowie mich ein Stündchen im Stadtpark ausgeruht hatte, beschloß ich, meinen Weg fortzusetzen. Nach etwa zwanzig Minuten der Wanderung einer staubigen Straße entlang geriet ich in einen schattigen Hain. Tatsächlich standen dort jene Bäume, deren Früchte ich vorhin im Bioladen gekostet hatte. Ungewöhnlich fand ich, daß das seltsame Obst nicht an den Zweigen, sondern am Stamm der Bäume wuchs. Eine Weile schaute ich mich um, bald kam ein alter Bauer des Weges und empfahl mir wärmstens, zum Ernten in das Innere des Hains zu gehen, die Früchte seien dort größer. So lief ich also, bis ein qualvolles Stöhnen  und Schreien an meine Ohren drang, welches mir das kalte Grauen verursachte. Nichtsdestotrotz, oder vielleicht gerade, um jenen Schauergeräuschen auf den Grund zu gehen, lief ich tiefer in den Hain, keinen Blick vom Waldboden hebend, bis sich schließlich das Stöhnen und Schreien zu einer scheußlichen Kakophonie äußerster Lautstärke gesteigert hatte, und als ich schließlich die Blicke hob, sah ich rings um mich diese Bäume, doch wo am Rande des Hains ihre Früchte gehangen hatten, fand ich nichts, als gräßliche, bluttriefende Löcher...

Vegetarisches - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/DoufuSkin_800px.jpg Ruedi Strese