static-aside-menu-toggler
gkSearch

Berlin - Die Zeit war stehengeblieben. Zumindest, wenn ich der Ansicht meiner Uhr folgen durfte. Vielleicht war aber auch einfach die Batterie leer. Der Blick aus dem Fenster bestätigte diese Interpretation, Menschen liefen und Autos fuhren. Auch ein Blatt fiel herab, anstatt in der Luft an einem Ort zu verweilen.

Auf der anderen Straßenseite brannte lichterloh die Postfiliale. Möglicherweise ärgerlich, denn ich sollte ein Einschreiben abholen. Wir würden sehen, dachte ich, und verließ meine Wohnung, rutschte das Geländer herunter und wäre fast auf einen älteren Herrn gefallen, der mit einkaufsvollen Papiertüten den Weg nach oben, zu seiner Wohnung, suchte. Sein Schimpfen hallte durch den Hausflur wie die Schreie der Gepeinigten in den Folterkellern der Tyrannen, berührte mich jedoch kaum, denn auf mich wartete ein Einschreiben.
Ich stand dann vor der Postfiliale, ein brennender Mitarbeiter rannte heraus, und ein Sack voller Sand wurde zum Löschen über ihn geschüttet, worauf er begann, wild zu schauen, und der Speichel lief ihm die Mundwinkel herab, tropfte auf den Sand, aus dem er schließlich Kleckerburgen baute, die es ohne Weiteres mit dem Palais Idéal des Briefträgers Cheval aufnehmen konnten. Anschließend brach er zusammen, zu stark waren seine Verletzungen. Mein Anliegen sollte ich nicht vergessen.
Flammen schlugen mir durch die Drehtür entgegen, ich sah, daß dort eine Zahl Angestellter dennoch weiter an den Schaltern stand, es handelte sich um Androide, deren Kleider jedoch verbrannt waren; die Plastikbeschichtung, aus welcher einst ihre Gesichter bestanden hatten, tropfte herab und verschwand zischend in den vom Boden züngelnden Lohen.
Ich ging an einen Schalter, war der einzige Mensch hier drinnen und legte einem der Androiden meinen Benachrichtigungszettel hin. Er ging in das Lager und kam mit einem Umschlag zurück. Ich bedankte mich und verließ die Filiale. Es wurde auch höchste Zeit, denn zahlreiche kleine rote Wesen krochen an meinem Gewand empor. 
Draußen regnete es mittlerweile, wodurch eine Mitarbeit der Feuerwehr bei meiner Befreiung vom Feuer sich erübrigte, lächelnd überquerte ich die Straße und ging die Treppe hinauf, wo immer noch zeternd der ältere Herr mit den Papiertüten zu einem Kunstwerk geworden war, so sehr hatte er sich seinen Worten entsprechend geformt, war halb mit dem Geländer verwachsen, um mir ein erneutes Herabrutschen zu erschweren.
Kurz darauf war ich in meinem Wohnzimmer angelangt, setzte mich an den Tisch und las den Brief. Ich erfuhr Dinge, die ich bereits wußte, so sollte eine mir einst vertraute moderne Wunderheilerin mehrere Jahre nach ihrem Tod mit einem Roboterhund ein Wesen geschaffen haben, welches nun allein für sein Dasein mit dem Großen Freiheitspreis ausgezeichnet worden war – letztlich nur eines von vielen Symptomen brutalster Belanglosigkeit.
Ich lächelte melancholisch. Nicht mehr lange, dann würden derartige Schöpfungen an meinem Doppelfenster vorbeifliegen und mir die Betrachtung meiner darin gedeihenden Mittagsblumensammlung verleiden. Vielleicht sollte ich die Zeit bis dahin umso intensiver nutzen, dachte ich, und begann, einigen von mir selbst ausgesäten Exemplaren der Gattung Lithops einen passenden Platz zu suchen, als plötzlich ein Schatten vor dem Fenster erschien. Es war ein Baum, der seine Wurzeln verloren hatte und nun umherirrte, in seiner neuen Freiheit wohlmeinend Tod und Zerstörung statt Leben bringend. Ich holte Flammenwerfer und Gebetsbuch aus dem Schrank: der Kampf um die Relevanz des Seins hatte begonnen.

Das Einschreiben - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/IMG_0449_1024px.jpg Ruedi Strese