static-aside-menu-toggler
gkSearch

Berlin -Die drei jungen Frauen setzten sich an den Tisch in der Ecke. Der Barkeeper warf ihnen einen mißbilligenden Blick zu, denn zum einen war es bereits spät, und er hätte den heute schwach besuchten Laden sonst schon geschlossen, was er immer machen konnte, denn es war sein eigener, und vor allem sahen sie aus, wie viele andere, die hier einkehrten. Studentinnen, die Wert auf ordentliche Kleidung legten und nicht zu leben verstanden.

So hätte er es zumindest ausgedrückt, rein aus Geschäftsinteresse. Sie würden sich einen Cocktail bestellen, vermutlich gerade den, der jeweils im Angebot war, und stundenlang daran nippen. Sie nahmen den Platz von drei ordentlichen Gästen weg, aber tranken wie ein halber.
Die eine, so stellte er flüchtig fest, eine Kleine mit braunen Haaren, sah wirklich hübsch aus, das mußte er innerlich zugeben, aber es spielte auch keine Rolle, denn an Frauen mangelte es ihm als Barkeeper eigentlich nie. Oft genug saß irgendeine bis morgens um fünf am Tresen und hängte sich dann an ihn ran, manchmal waren sogar kurze Beziehungen daraus geworden, was heißen soll, daß sie öfter als einmal bei ihm übernachteten. Aber eigentlich war ihm das relativ egal, er war nicht der, welcher sich da in irgendwelche Gefühlswelten hineinsteigerte. Und die drei Bräute am Ecktisch könnten ruhig noch etwas warten, denn über dem Tresen hatte er einen kleinen Fernseher, wo gerade ein Billardspiel übertragen wurde. Was spannend war.
„He, Meister!“ klang es aus der Ecke.
Er kratzte sich heimlich in der Nähe des Schrittes am Bein, was vor eventuellen Blicken hinter dem Tresen verborgen war und schaute weiter auf den Fernseher.
„Maaiiister!“
Das war nun nicht mehr zu ignorieren. Gemächlich nahm er drei Karten und bewegte sich mit einem unverhohlen herablassenden Grinsen auf die drei Mädchen zu.
„Wir brauchen die Karten nicht“ sagte die, welche ihn zuvor auch gerufen hatte, eine etwas umfassendere Blondine. 
„So, na dann schießt mal los!“
„Ich hätte gerne einen Kaffee“ sagte die selbe.
„Einen Kaffee“ wiederholte er.
Er runzelte die Stirn, das könnten sie ruhig sehen.
„Auch einen Kaffee“ ließ die zweite verlauten. Diese war eine große, schlanke Braut mit roten Haaren, ordentlicher Oberweite. Wenn sie um fünf noch hier säße... naja... aber: einen Kaffee...
„Auuuch einen Kaffee“ stellte er fest.
„Und die Dritte im Bunde?“ fragte er die kleine Braunhaarige.
Diese schaute sich erst um. Was sollte das? Er würde gerne das Billardspiel sehen. Am liebsten hätte er schon mit den Füßen gescharrt. 
„Haben Sie einen guten Weinbrand?“
Diese Antwort warf ihn fast um.
„Nicht lieber einen Kakao oder einen Kamillentee?“ fragte er schließlich.
Er erntete einen wenig ermutigenden Blick, und es dauerte mehr als ein paar Wimpernschläge, bis er anfing, das Angebot runterzurattern.
„Halt. Den nehme ich.“
„Eine gute Wahl.“
„Sicher“ lächelte sie. „Und zwar eine ganze Flasche, bitte.“
„Drei Gläser?“
„Eine Flasche, hatte ich gesagt.“

Er ging zurück hinter den Tresen. Die Flasche hatte er griffbereit, und nach wenigen Minuten war auch der Kaffee fertig, so, daß er den Bräuten ihre Wünsche erfüllen konnte. Er stellte den Kaffee zuerst hin, versuchte mit einem Auge, der Rothaarigen in den Ausschnitt zu schauen, mit dem anderen fixierte er die hübsche Weinbrandbestellerin.
„Einen Kaffee, auuuch einen Kaffee, und eine ganze Flasche Kaffee.“
Ein einfaches „Danke“ wäre angemessen gewesen, dachte er sich, aber die Mädels nickten nur, und er ging, abwertende Gedanken über sie hegend, wieder zu seinem Billardbildschirm.

Dann und wann sah er zu ihnen rüber und stellte fest, daß sich die beiden Kaffeedamen zaghaft ihrem Getränk widmeten, während die hübsche Kleine große Züge aus der Flasche nahm. Was das werden sollte... die verträgt doch nichts, dachte er. NICHT darüber nachzudenken, das nahm er sich gleich darauf vor. Das wäre das Beste, das einzig Angemessene. Allerdings merkte er, daß sie ihn dann und wann seltsam anschaute.

Schließlich waren die zwei Kaffee ausgetrunken, und die dicke Blonde und die große Rothaarige standen auf und gingen zur Tür. 
„Sie bezahlt!“ rief die Blonde beim Rausgehen und zeigte auf die, welche mit der Flasche noch am Tisch saß.
Der Barmann schüttelte bloß den Kopf und sah die Kleine skeptisch an. Diese sah auch manchmal rüber, aber dann immer wieder sofort weg, wenn sie merkte, daß er es merkte, und er beschloß, weiter Billard zu schauen und mit der Zeit interessierte sie ihn nicht mehr. Vielleicht würde er sie später einsacken, wenn sie dicht genug, aber nicht zu dicht war. Zwischendurch kamen noch zwei weitere Leute rein, die aber lediglich Geld für den Zigarettenautomaten wechseln wollten, sonst war sie der einzige Gast.
Dann war das Billiardspiel auch zu Ende, und er zappte ein wenig durch die Programme. Plötzlich hörte er ein dumpfes Geräusch und sah zu der Braut rüber. Was für eine Scheiße. Er hätte es ahnen müssen. Die Kleine hatte sich total abgeschossen, hatte versucht aufzustehen und war einfach umgefallen. Jetzt lag sie wie ein Haufen Dreck auf dem Boden.
„Verdammte Scheiße!“ rief er.
Er ging zu ihr.
„Hallo!“
Nicht ansprechbar.
„Sie bezahlt...“ murmelte er. „Verdammte Scheiße...“

Nach dem ersten Ärger begann er, zu überlegen. Was nun? Krankenwagen rufen? Wegen eines stupiden Rausches? Bäh... vielleicht ein Taxi? Aber dafür müßte sie erstmal aufwachen. Und er hatte bestimmt keine Lust, ewig hier zu warten. Vor allem wollte er seine Kohle haben, und dann ab nach Hause. Mit etwas Glück hätte sie einen Filmriß. Er könnte sie einfach draußen auf eine Bank legen, viel wiegen dürfte sie nicht, und am nächsten Morgen, wenn sie aufwacht, wüßte sie nicht, wie sie dorthin kommt. Aber irgendwie war das auch Mist. Nachher tat ihr doch irgendwer was an. Mußte ja auch nicht sein. Sollte er sie vielleicht in seinem Auto mitnehmen, und dann aufs Sofa werfen? Wenn sie später zu ihm rüberkäme, wäre das in Ordnung, ansonsten hätte er einfach Mitleid gehabt und anständig gehandelt.
Das Wichtigste aber war und blieb das Geld, welches sie ihm schuldete. Er schloß vorsorglich den Laden, und schaute, wo sie denn ihre Geldbörse hatte. In der Umhängetasche nicht. Im Mantel auch nicht. Tolle Sache. Naja, sie merkte ja nichts... tatsächlich trug sie um den Hals ein kleines Ledertäschchen einer Nobelmarke, das fand er schnell heraus. Genau so eins hatte er auch mal gehabt, nur ohne das blöde Band, was gar nicht recht dazu paßte. Ganz früher einmal. Sieh an, sieh an. Sie würde bestimmt einen Filmriß haben, dachte er sich, und wenn nicht, würde er es ihr schon weismachen können. Also, das Geld... Zwei Kaffee, einen Weinbrand, und ein kleines Trinkgeld hatte er sich ja wohl auch redlich verdient. Das machte... noch besser. Kein Bargeld drin. Also Kartenzahlung... 
Er schaute nach der Karte. Ausweis, Krankenkassenkarte, Führerschein. SEIN Führerschein. Und SEIN Ausweis, und... genau, es war seine eigene Geldbörse. Und alles darin war von ihm. Es fehlte nur sein Geld. Und der Rest nutzte ihm nichts, denn das ganze Zeug war lange, lange ungültig. Schlimmer noch: es erinnerte ihn daran, wie er es verloren hatte.
Sonst hätte er sich den Laden ja niemals leisten können. Und es war doch alles glatt gegangen, oder? Gut, der Alte hatte ihn gesehen – aber das war sein Fehler. Er hatte im Grunde selbst Angst gehabt, und Zeugen konnte er nicht gebrauchen. Und seine Geldbörse war weg, wie er später festgestellt hatte. Er hatte sich lange den Kopf darüber zerbrochen, aber es kam nichts... und irgendwann war es einfach schon lange her gewesen. Fast vier Jahre waren nun vergangen. Und jetzt war sein Racheengel aufgetaucht. Vielleicht die Tochter des Alten. Sie hatte die Beweise gegen ihn.
Er könnte sie erledigen. Er hatte sowas schonmal getan. Es war gar nicht so schwer gewesen. Aber nein... der alte Sack damals, der hätte ihm was tun können, und da war er in Panik. Hier lag ein junges, hübsches Mädel. Wehrlos. 
Es ging nicht. Er setzte sich neben sie, wie benommen. Ganz erbärmlich fühlte er sich, voller Ekel vor sich selbst. Tot sein. Das wäre es jetzt. Einfach aufgelöst. Er würde sich nicht mehr bewegen und einfach abwarten, was mit ihm geschah. Sein Leben war vorbei, er wollte nur noch an die Wand geworfen werden. Wenn er denn noch einen Willen besaß. Irgendwann fiel er in einen unruhigen Schlaf voller grausamer Träume, in denen er sich allerlei Martern ausgesetzt sah, bei denen er doch stets das Gefühl hatte, nichts Anderes verdient zu haben.

„Aufwachen...“
Eine leise Stimme drang in sein Ohr.
„Wach auf...“
Es war eine sanfte Frauenstimme. Er spürte, wie eine Hand durch sein Haar fuhr.
„Wach auf, mein Lieber.“
Widerwillig schlug er die Augen auf. Die Kleine hatte sich über ihn gebeugt und lächelte. Er starrte voller Angst, und ihm fiel nichts anderes ein, als, sinnlos, um Vergebung zu betteln, doch er brachte nicht den geringsten Laut über seine Lippen.
„Ich habe dich die ganzen Jahre gesucht“ sagte sie. „Endlich habe ich dich gefunden...“
Er deutete ein Nicken an und lächelte gequält. Sie legte ihm die Hand auf die Stirn.
„Keine Angst... ich wollte mich bei dir bedanken...“
Was... ???
„Ich kann es später genauer erzählen, aber es war... es war... irgendwann wirst du alles wissen. Er hatte mich gefangen gehalten... lange. Wenn ich versucht hätte, zu fliehen, wäre es... aus mit mir gewesen. Dieser... Durch dich... wegen dir konnte ich mich befreien. Ich weiß, daß das nicht war, weshalb du dort warst. Aber es ist Schicksal, oder? Das Schicksal hatte dich geschickt, um mich zu erlösen und für mich Rache zu üben.“
Ihm blieb nichts, als sie ungläubig anzustarren.
„Wenn ich mich so befreit hätte, irgendwie, dann wäre er vielleicht vor ein Gericht gekommen. Und dann vielleicht nach zwei Jahren wieder frei, nicht wahr? Ich habe ihn gesehen, wie er da lag, und wußte, ich war frei... ich konnte gehen. Ja, die Schatten auf der Seele, sie gehen nicht einfach weg. Aber ich war frei. Ja, ich habe später mit der Polizei gesprochen. Und einen Teil habe ich ihnen erzählt. Aber nicht, daß ich deine Geldbörse gefunden habe. Und, daß ich, nachdem du weg warst, gründlich Staub gesaugt und den Beutel weit weg entsorgt habe, und noch mehr, damit sie keine Spuren von dir fänden. Sie sollten dich nicht finden, ich wollte dich finden!“
Sie strich ihm erneut mit den Fingern über die Stirn, er sah sie an, und sah, wie sie weinte und lächelte. In diesem Moment starb er, und seine Bar sollte von nun an geschlossen bleiben. Aber was machte er danach? Genau weiß ich es nicht, sicher ging er irgendwo hin, aber vor allem konnte er von nun an wieder über die Welt staunen, wie er es ganz früher einmal gekonnt hatte, und sie war immer bei ihm, daran gibt es keinen Zweifel.

Barabend - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/bar-918541_1024px.jpg Ruedi Strese