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Quelle: pixabay.com

Berlin - Der Baron hatte seinen Titel den klugen Geschäften eines seiner Vorfahren zu verdanken, ebenso einen guten Teil seines nicht unerheblichen Reichtums. Er hatte sich damit abgefunden, selbst nichts dazu beigetragen zu haben und nahm es als gottgewollt. Nun galt es, unter diesen Voraussetzungen seine Lebenszeit rumzukriegen, wozu er sich auf die Produktion von gegenstandsloser Malerei spezialisiert hatte.

Sein Landhaus hatte einen gläsernen Anbau, welchen er als Atelier und Ausstellungsraum nutzte. Wenn ihm danach war, produzierte er ein neues Bild, was bedeutete, daß er zuerst eine riesige Leinwand auf den Boden legte und anschließend allerlei Speisen und Getränke zu sich nahm. Wenn er sich mehr als satt fühlte, setzte er sich in ein Karussell, welches über der Leinwand an der Decke befestigt war, und ließ sich darin drehen, bis ihm schlecht wurde und er sich auf die Leinwand übergab. Nach dieser Prozedur gab er seiner jungen Haushälterin einen Eimer mit blauer Farbe und ließ sie dessen Inhalt nackt darüber verteilen. Manchmal fiel er dann über sie her, und aus den sich durch die Fußtritte und sonstigen Bewegungen der Körper auf der Leinwand ergebenden Spuren ließ er seinen Chauffeur anschließend den Titel des Bildes herauslesen. Die Bilder hießen dann „Durcheinander“, „Wolken“, „Schlangen“ oder „Dreck“, was immer dem Mann als erstes einfiel.
Und dann gab es wirklich Personen, die kauften diese Bilder und zahlten dafür sogar nicht unerhebliche Summen. Seit mehreren Jahrzehnten vertrieb er sich auf diese Weise die Zeit, und er wußte nicht mehr genau, wieviele Haushälterinnen nach kurzer Zeit mit einer schweren seelischen Störung und einer ordentlichen Summe als Abfindung …oder Schweigegeld... wieder gegangen waren. Was wollten sie auch? Er zahlte ihnen mehr, als sie je verdient hätten, und mehr von ihm zu verlangen, oder etwas Anderes, als er ihnen gab, wäre keiner je eingefallen. Dafür hätten sie zuviel Angst gehabt. 
Jedenfalls liefen die entstandenen Werke gut, so daß er nicht alleine von den Zinsen seines auf irgendwelchen Konten lagernden Erbes lebte, sondern tatsächlich regelmäßig eigene Einkünfte hatte. Gestern hatte er ein Bild mit dem Titel „Strand“ produziert; es war lustig gewesen, die Haushälterin an ihren Füßen über die Leinwand zu ziehen, daß ihre Haare darin Streifen hinterließen.

Da erwachte er.
Er sah sich um und schüttelte verwundert den Kopf. Immer wieder hatte er diesen Traum, immer denselben. Er seufzte. Die Wirklichkeit war doch bitter, viel bitterer. An der Decke wuchs der Schimmel, wie grauschwarzer Schorf auf einer nie verheilen wollenden Wunde. Die Haushälterin hatte vor einem Monat gekündigt, nachdem er sie nicht mehr ordentlich bezahlen konnte und dann auch noch in angetrunkenem Zustand versucht hatte, sie rumzukriegen, obwohl es an ihr nichts zu finden gab. Seither war die Bude zu einer einzigen Müllhalde verkommen. Baron... das war wohl das absurdeste in der Geschichte.
Zwischen Bierflaschen und Joghurtbechern lagen Leinwände, auf denen er mit seinen Händen und Füßen blaue Farbe verschmiert hatte. Kein Galerist wollte sie haben. Es war in Ordnung, nichts zu können, das wußte er. Aber ihm fehlte zusätzlich die Überzeugungskraft. Er war ein scheußlicher Maler, aber er hätte wenigstens ein besserer Schauspieler sein müssen, um erfolgreich zu sein. 
Für den heutigen Abend hatte er allerdings etwas erreicht: einen Kunsthändler, der ihn bereits einmal mit seinem Werk abgewiesen hatte, einen gewissen Baron von R., in seine Wohnung einzuladen... und er würde ihm einen besonderen Empfang bereiten, den er schon richtig deuten würde.

Es war gegen 21.30, als der Baron vor der Wohnung stand. Die Tür stand leicht geöffnet, doch er klingelte sicherheitshalber. Als nach einigem Warten nichts geschah, trat er vorsichtig ein. Ein furchtbares Drecksloch war das, ein Tier nur konnte hier hausen! An den Wänden hingen abscheuliche Bilder, ohne jegliches Talent zusammengeschmiert.
Und dort, in der Ecke, lag wohl ihr Urheber. Neben sich hatte er ein Schrotgewehr zu liegen, der Rest des Kopfes lag auf einer Leinwand. Er bat seinen Chauffeur, den Mann beiseite zu schieben und betrachtete sie ausführlich. 
„Dieser Mann war ein bedeutender Künstler!“ stellte er fest.
Er überlegte eine Weile.
„Wie soll das Bild heißen?“ fragte er schließlich.
„Vielleicht etwas wie „Strand“?“ meinte der Chauffeur.
„Gut. Der Titel paßt nicht, also werden die Leute ewig darüber nachdenken. Packen Sie es ein, und auch alle anderen Bilder, die Sie hier finden können. Wir haben heute ein gutes Geschäft gemacht.“

Strand - eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese https://art-depesche.de/images/deckchairs-355596_1024px.jpg Ruedi Strese