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Erich Heckel „Frühling“ (1918) | Quelle: ART DEPESCHE

Berlin - Die Neue Nationalgalerie in Berlin ist derzeit für eine Grundinstandsetzung geschlossen. Bis zur Wiedereröffnung wird das Obergeschoß des Westflügels des Hamburger Bahnhofs als „Neue Galerie“ für wechselnde Ausstellungen von Werken der klassischen Moderne zur Verfügung stehen.  Eröffnet wird der Reigen von einer Schau unter dem Titel „Die schwarzen Jahre. Geschichte einer Sammlung 1933-1945“. Hier werden Werke gezeigt, die in einem besonderen Bezug zur Geschichte  der Kunst im Nationalsozialismus stehen, was sowohl Nähe als auch Gegnerschaft bedeuten kann. Ein gesonderter Raum präsentiert italienische Kunst, welche 1932 in die Nationalgalerie kam.

Im Zentrum der Ausstellung steht das Werk „Die schwarzen Zimmer“ Karl Hofers in der Zweitfassung von 1943, an dem sich auch die Ausstellungsarchitektur mit ihren schwarzen Wänden orientiert. Der NS-Gegner Hofer wurde übrigens 1945 Mitglied des von Johannes R. Becher ins Leben gerufenen „Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ (später „Kulturbund der DDR) und 1950 erster Präsident des wiederbelebten „Deutschen Künstlerbundes“. Er wurde später einer der vehementesten Kritiker der Dominanz der gegenstandslosen Kunst im westlichen Nachkriegsdeutschland.

Der Eingangsraum ist allerdings den italienischen Werken gewidmet, welche 1932 im Rahmen eines Bildertauschs in die Nationalgalerie kamen, wo sie 1933, unmittelbar nach der NS-Machtübernahme als „Neue italienische Meister“ präsentiert wurden. Dabei ist der Futurismus allerdings nicht vertreten, stattdessen finden sich Künstler aus dem Umfeld der Zeitschrift „Valori Plastici“, der Gruppe „Novecento“ sowie die damals in Paris ansässigen Gino Severini, und Mario Tozzi. 
Ansonsten ist eine vielseitige Auswahl von Gemälden und Plastiken zu sehen, welche damals als „entartet“ abgelehnt wurden oder als deutsche Kunst gefördert wurden, auch die Widersprüchlichkeiten der NS-Kunstpolitik, insbesondere hinsichtlich des Expressionismus (der zeitweise von Goebbels gefördert und von Rosenberg bekämpft wurde) werden aufgezeigt. Als Beispiel kann ein Werk Munchs dienen, „Melancholie“. Munch wurde im Dezember 1933 in deutschen Zeitungen als „nordischer Stammvater des Expressionismus“ gefeiert, zu den Gratulanten gehörte auch Goebbels, gleichsam wurde das Werk 1937 als „entartet“ beschlagnahmt.
Vertreten sind bekannte Werke wie Otto Dix' „Flandern“ (1934-36) und Ernst Ludwig Kirchners „Atelierecke“ (1919/20), es gibt Lyonel Feininger und Pablo Picasso zu sehen; zudem finden sich eher unbekannte Glanzlichter wie „Zwei Menschen“ von Werner Scholz (1935), das  brilliante Ernst Jünger-Porträt Rudolf Schlichters (etwa 1929/30) und das magische „Frühling“ von Erich Heckel (1918). Zu jedem Bild gibt es Hintergrundinformationen – daß Böcklins „Toteninsel“ vertreten ist, wäre sonst schwer zu rechtfertigen. Hitler schätzte Böcklin, und ein Foto anbei zeigt ihn vor dem Gemälde, in Begleitung des sowjetischen Außenministers Molotow. 
Alles in allem eine vielschichtige Ausstellung. Von der Anlage der Räumlichkeiten kommen die Werke gut zur Geltung, der Besucherandrang hielt sich an einem Dienstagvormittag in Grenzen, es war gut möglich, zurückzutreten und die Arbeiten in Ruhe zu betrachten. Geöffnet ist „Die schwarzen Jahre“ von Dienstag bis Freitag von 10-18 (Donnerstags bis 20) Uhr sowie am Wochenende von 11-18 Uhr. Der Eintritt kostet 14 Euro, wobei jedoch sämtliche Ausstellungen des Hamburger Bahnhofs eingeschlossen sind. Der Hamburger Bahnhof befindet sich in der Invalidenstraße 50-51 in 10557 Berlin, nahe beim Hauptbahnhof.

Verweise:
http://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/hamburger-bahnhof/ausstellungen/ausstellung-detail/neue-galerie-die-schwarzen-jahre.html

Berlin: Ausstellung zur Sammlung der Neuen Nationalgalerie 1933-45 https://art-depesche.de/images/IMG_2122_1024px.jpg Ruedi Strese