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James McNeill Whistler „Nocturne: Blau und Gold – alte Battersea Bridge“ (1872-75)

Berlin - Der US-amerikanische Maler James McNeill Whistler (1834-1903), welcher den Großteil seines Lebens in England verbrachte, liebte es, seinen Gemälden Namen von Musikstücken zu geben, so gab es Titel wie „Arrangement in Grau und Schwarz: Porträt der Mutter des Künstlers“, „Sinfonie in Weiß“ oder verschiedene „Nocturnes“ - „Nachtstücke“.

Damit wollte er eine Beziehung zwischen Malerei und Musik herstellen. Musik sei Poesie des Klangs, Malerei Poesie der Farben. Die ersten seiner Nocturnes entstanden Ende der 1860er Jahre im Rahmen einer Reise nach Chile, weitere später in London. Eine der schönsten dieser Arbeiten ist ein trübes Ölgemälde namens „Nocturne: Blau und Gold – alte Battersea Bridge“.
Es entstand zwischen 1872 und 1875 als Teil einer Reihe. Whistler hatte die Themse in zahlreichen Gemälden, Zeichnungen und Radierungen verewigt. Er soll sich des Öfteren nachts auf der Themse  entlang fahren haben lassen, um Eindrücke zu gewinnen, die er (anders als die Impressionisten, zu deren Werken eine gewisse Ähnlichkeit besteht) später im Studio auf Papier bzw. Leinwand brachte. Hier ist die alte, hölzerne Battersea Bridge zu sehen, bevor sie 1885 durch eine moderne Brücke ersetzt wurde. Im Hintergrund ahnt man verschwommen die Chelsea Old Church und die Albert Bridge, Feuerwerk schießt in den nächtlichen Himmel.
Wie viele andere Künstler seiner Zeit, darunter van Gogh, Degas, Manet, Gauguin, war Whistler von den Farbholzschnitten eines Katsushika Hokusai (1760-1849) beeindruckt. Der Einfluß war hier unmittelbar, auch Hokusai hatte ein Bild einer alten Holzbrücke mit Feuerwerk hergestellt.
Whistlers Gemälde ist eine abendliche Sicht voll stiller Atmosphäre. Ursprünglich hieß es „Nocturne in Blue and Silver No.5“, den späteren Titel erhielt es erst 1892. Oscar Wilde sah es 1877 und äußerte sich abfällig. Das Bild sei es wert „ungefähr so lange angeschaut zu werden, wie man eine echte Rakete anschaute, das heißt für etwas weniger als eine Viertelminute“.
Eine gewisse Bekanntheit erlangte es aber 1878 im Zusammenhang mit einem Gerichtsprozeß. John Ruskin, seinerzeit der bedeutendste englische Kunstkritiker, hatte ein anderes Werk der Reihe,  „Nocturne in Schwarz und Gold: Die fallende Rakete“ Mitte 1877 in der Galerie gesehen und ein gehässiges Urteil verfaßt: „Mr. Whistler zuliebe, nicht weniger als zum Schutz des Käufers, hätte Sir Coutts Lindsay keine Werke in die Galerie aufnehmen sollen, in denen der schlecht ausgebildete Dünkel eines Künstlers so nahe an den Aspekt mutwilliger Hochstapelei kommt. Ich habe schon viel Cockney-Flegelei gesehen und gehört; aber ich habe nie erwartet, einen Geck zweihundert Guineen fordern zu hören, dafür dass er dem Publikum einen Topf Farbe in das Gesicht schleudert.“ Die Presse zitierte dies und Whistler reagierte mit einer Verleumdungsklage gegen Ruskin. Er verlangte 1000 Pfund sowie die Erstattung der Gerichtskosten. 
Vor Gericht erklärte Whistler die Namenswahl: „Es ist zuvorderst eine Komposition aus Linie, Form und Farbe… Ich habe verschiedene Nachtstücke gemalt und das Wort ‚Nocturne‘ gewählt, weil es die ganze Reihe verallgemeinernd und vereinfachend benennt.“
Eine Reihe von Experten wurde vorgeladen, sprach sich jedoch weitgehend gegen Whistler aus. So gewann er zwar den Prozeß, erhielt jedoch lediglich einen Farthing, die kleinste im Umlauf befindliche Münze, zudem blieb er auf den Gerichtskosten sitzen. Auch „Nocturne: Blau und Gold – alte Battersea Bridge“ spielte eine Rolle im Prozeß. So soll der Richter Whistler (anscheinend ernsthaft) gefragt haben, welcher Teil des Bildes nun die Brücke darstelle, was zu allgemeinem Gelächter führte. 
1905 aber wurde das Bild zur ersten bedeutsamen Erwerbung des neu gegründeten National Art Collections Fund und hängt heute in der Tate Britain (von 1897-1932 bekannt als Nationalgalerie Britischer Kunst und von 1932-2000 Tate Galerie).

Whistlers Nachtstück von der alten Battersea Bridge https://art-depesche.de/images/James_Abbot_McNeill_Whistler_006_1024px.jpg Ruedi Strese