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Robert Antoine Pinchon „Le Toquesac Aout“ (Öl auf Keinwand, 1912)

Berlin - Die „Schule von Rouen“ im weiteren Sinne wird für allerlei Künstler aus Rouen angewandt, ist in dieser Hinsicht als kunstgeschichtlicher Begriff somit wenig hilfreich. Im engeren Sinne werden ihr eine Reihe post-, neo- und spätimpressionistischer Maler zugerechnet, welche vom Ende des 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zum Teil hervorragende Werke schufen. Einige der gediegensten Arbeiten  dieser Schule stammen von Robert Antoine Pinchon. 
Er wurde 1886 in Rouen selbst geboren und entstammte einer ausgesprochen künstlerisch orientierten Familie. Der Vater, Robert Pinchon, war selbst Journalist, Dramatiker und Theaterkritiker, ein enger Freund von Guy de Maupassant und Protegé Gustave Flauberts. Er bemerkte früh die Neigung des Sohnes zur Malerei und förderte diese, im Alter von 14 Jahren konnte er so bereits einige seiner bereits recht impressionistischen Gemälde ausstellen. 
Er besuchte die Jesuitenschule „Lycée Pierre-Corneille“ gemeinsam mit Marcel Duchamp (1887-1968) und Pierre Dumont (1884-1936). Beide waren seine Freunde und sollten später selbst namhafte Künstler werden, wenn auch ganz anderer, avantgardistischer Ausrichtung.

Er lernte an der „Regionalen Schule der schönen Künste von Rouen“ bei Professor Philippe Zacharie (1849-1915) in akademischer Manier, zudem besuchte er die „Freie Akademie“, welche um 1895/96 von Joseph Delattre (1858-1912), einem engen Freund von Claude Monet, gegründet worden war und sich an der impressionistischen Malweise orientierte, mit einem starken Hang zur Pleinairmalerei.
1903, im Alter von gerade 17/18 Jahren, hatte er die Gelegenheit, gemeinsam mit Monet auszustellen, der sehr lobende Worte für ihn fand („eine erstaunliche Pfote im Dienste eines überraschenden Auges“), auch Camillie Pissarro lernte er so kennen. Durch Monets Lob überzeugt, begann der Sammler Francois Depeaux, Pinchons Künstlerkarriere gezielt zu unterstützen. 1905, im Alter von 19 Jahren, hatte er schließlich seine erste größere Einzelausstellung.

Im gleichen Jahr konnte er erstmalig in der Hauptstadt, und zwar im „Pariser Herbstsalon“, ausstellen. Diese Ausstellung gilt als Geburtsort des Fauvismus, in diesem Zusammenhang entstand der Begriff und es stellten Henri Matisse, André Derain u.a. aus. Pinchon näherte sich diesen zeitweise an, machte jedoch die spätere Entwicklung in Richtung Kubismus nicht mit, sondern blieb weitgehend der impressionistischen Tradition verschrieben. Die erste Einzelausstellung in Paris folgte 1909, und noch im selben Jahr konnte er dort gemeinsam mit Monet, Delattre, Sisley und Pissarro ausstellen, womit er endgültig im Kreis der impressionistischen Größen angekommen war.

Zudem zählte er, neben seinem alten Freund Dumont, zu den Gründungsmitgliedern der „Normannischen Gesellschaft der Modernen Malerei“, welcher sich so illustre Figuren wie Henri Matisse, André Derain, Albert Marquet und Georges Braque anschlossen. Weitere Ausstellungen folgten, selbst ins Museum schafften es bereits einige seiner Bilder – ungewöhnlich bei einem so jungen, noch lebenden Künstler.

Im Weltkrieg wurde er 1914 eingezogen, wurde verwundet und geriet 1916 in deutsche Gefangenschaft, wo er bis Herbst 1918 blieb, jedoch immerhin die Gelegenheit hatte, einige Pastelle zu malen. Schließlich konnte er entkommen und gelangte über die Schweiz und Italien zurück nach Frankreich. Seine Schöpferkraft hatte der Krieg zumindest nicht beschädigt, es ging weiter mit erfolgreichen Ausstellungen; er zeichnete seine Werke ab 1923 mit „Robert A. Pinchon“, um Verwechslungen mit Robert Henri Pinchon zu entgehen.
1931 wurde er Mitglied der „Société des Artistes Francais“, 1935 Präsident des „Salons der Künstler von Rouen“. Der neuerliche Krieg in Europa 1939 bedeutete einen tiefen Einschnitt, auch wenn es noch einige Ausstellungen gab, 1943 aber starb Pinchon bereits – mit 56 Jahren noch recht jung, so wie er auch noch recht jung war, als er bereits große künstlerische Erfolge verbuchen konnte.
Heutzutage ist Robert Antoine Pinchon weitgehend in Vergessenheit geraten. Das klassische „Knaurs Lexikon der modernen Malerei“ von 1982 hielt ihn anscheinend für keines Eintrages würdig, er findet sich bislang nichtmal in der deutschsprachigen Wikipedia. Definitiv zu Unrecht, denn Pinchon mag nicht der originellste der Postimpressionisten gewesen sein und unter den Fauves war er wohl der „konservativste“, aber sein Werk ist von einer außergewöhnlich hohen Qualität und Lebendigkeit. 
Konsequent verfolgte er mit seinen Brücken, Gärten und Landschaften den von den Impressionisten vorgezeichneten Weg der Freilichtmalerei, insbesondere Monet darf hier als Referenz hinhalten, denn wie bei diesem dreht es sich bei den Arbeiten Pinchons um den Einfluß des Lichtes auf die Art, in welcher wir die Welt wahrnehmen. Auch Erinnerungen an van Gogh werden bisweilen geweckt, hier und da hat der Pointillismus deutliche Spuren hinterlassen. Wer einen lichtdurchfluteten und farbenprächtigen impressionistischen Stil liebt, wird sich garantiert auch für Pinchon begeistern können.

Verweise:
http://seine76.fr/peintures76/peintres_result3.php?var=Pinchon%20Robert%20Antoine
http://www.spokeo.com/Robert+Antoine+Pinchon+1
https://en.wikipedia.org/wiki/Robert_Antoine_Pinchon
https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_works_by_Robert_Antoine_Pinchon

Pinchon, ein großer Vergessener des Impressionismus https://art-depesche.de/images/Robert_Antoine_Pinchon_1912_Le_Toquesac_Aout_oil_on_canvas_64.7_x_81.2_cm_850px.jpg Ruedi Strese