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Walter Sickert „The Camden Town Murder“ (1908)

Berlin - Bekannt ist der deutsch-britische Postimpressionist Walter Richard Sickert heutzutage in erster Linie als einer der Verdächtigen bei der immerwährenden Suche nach der Identität des Serienmörders „Jack the Ripper“. Dabei war er tatsächlich ein gar nicht unbedeutender Maler.

Sickert wurde 1860 in München geboren, der Vater Oswald Sickert (1828-1885), ein Deutsch-Däne, wie der Großvater Johann Jürgen Sickert (1803-1864) waren bereits Maler gewesen. Auch der jüngere Bruder Bernhard (1862-1932) war in diesem Metier tätig. Die drei Verwandten waren alle unter anderem der Landschaftsmalerei zugewandt, bei Walter wurde es etwas anders.
1868 zog der Vater mit seiner anglo-irischen Frau und den Kindern nach England. Walter wurde zunächst Schauspieler, trat aber etwa 1882 als Schüler und Gehilfe in die Werkstatt James McNeill Whistlers ein. Seine ersten Werke, kleine Naturstudien, zeigten deutlich Whistlers Spuren; später sollte er jedoch Whistlers gefällige und elegante Malweise entschieden ablehnen.
1883 ging er nach Paris, wo er Edgar Degas traf, der auf ihn einen so tiefen Eindruck machte, daß er ihn auch zukünftig als größten Meister seiner Epoche pries. In Folge entwickelte er einen eigenen Stil des Impressionismus, bei dem als Sujet nicht die Natur, sondern das Leben einfacher Menschen im Vordergrund stand, vor allem stellte er die untere Theaterwelt dar, was ihm einen Ruf als Maler des Vulgären einbrachte, die späteren bisweilen sexuell betonten Themen deuteten sich bereits an. Statt in der Natur arbeitete er im Atelier, er bediente sich dabei mit Vorliebe düsterer Farben.

1888 trat er dem New English Art Club bei, welcher 1885 von mehreren meist realistisch orientierten Malern als Gegenstück zur Royal Academy gegründet worden war. In den folgenden Jahren lebte er lange in Italien und Frankreich, wo er seinen Stil noch ausarbeitete. Zurück in England befaßte er sich mit Themen aus den unteren Gesellschaftsschichten, was ihm einen führenden Platz unter den englischen Realisten einbrachte; Arme und Prostituierte tauchten immer wieder in seinen Darstellungen auf.
1907 geschah der „Mord von Camden Town“. Eine Prostituierte war von einem Freier ermordet worden; der Künstler Robert Wood galt als Hauptverdächtiger, wurde jedoch freigesprochen. Das Geschehen inspirierte Sickert zu einer Reihe von morbiden Zeichnungen, Radierungen und Gemälden, in denen jeweils eine unbekleidete Frau und ein bekleideter Mann dargestellt sind.
1907 war er Mitbegründer der postimpressionistischen Fitzroy Street Gruppe sowie 1911 der Camden Town Gruppe. Mehrere Jahre (1908-1912 und 1915-1918) unterrichtete er am Westminister Institut (einer der Schüler war David Bomberg) und war ein überzeugter Fürsprecher der Modernisten, auch leitete er kurzzeitig eine Kunstschule in Manchester. 1924 wurde er schließlich sogar Mitglied der Royal Academy.

Inspiriert durch Degas nutzte er in den letzten Jahren mit Vorliebe Fotografien als Vorlage seiner Werke. Ab 1927 nutzte er seinen zweiten statt den ersten Vornamen, nannte sich also nun Richard Sickert. Er war in der britischen Gesellschaft nun sehr angesehen, der Zeitungsmogul Lord Beaverbrock gehörte zu seinen wichtigsten Freunden und Förderern, auch ein Winston Churchill ließ sich von ihm abbilden. 1941 wurde Sickert mit einer großen Einzelausstellung in der National Gallery geehrt, er starb im Folgejahr in Bath in der Nähe von Bristol.

Erstmals stellte 1976 Stephen Knight in seinem Buch „Kack the Ripper: The Final Solution“ die These auf, Sickert sei gezwungen worden, ein Komplize des Rippers zu werden. Die zugrundeliegende Quelle, ein angeblicher Sohn Sickerts, stellte sich jedoch als unglaubwürdig heraus. Dennoch fand die Geschichte 2002 eine Neuauflage, als die US-amerikanische Krimiautorin Patricia Cornwall in „Portrait of a Killer: Jack the Ripper-Case Closed“ anhand von DNA und psychologischen Interpretationen einiger der morbid-sexuellen Arbeiten Sickerts sowie inhaltlichen Bezügen (ein Bild von 1907 nennt sich sogar „Jack the Ripper's Bedroom“) nachzuweisen versuchte, dieser sei für die Serienmorde in Whitechapel und einige andere Morde verantwortlich gewesen.
Die Theorie, Walter Sickert sei tatsächlich „Jack the Ripper“ gewesen, wird heute indes von den meisten Fachleuten ebenso wie von Scotland Yard verworfen. Zuletzt wurde ein polnisch-jüdischer Immigrant namens Aaron Kosminski als vermeintlicher Ripper ausgemacht, doch auch diese These ist nicht unumstritten, und so wird der Kriminalfall vermutlich noch lange, wenn nicht für immer, ein Mysterium bleiben.

Walter Sickert zwischen Degas und Jack the Ripper https://art-depesche.de/images/Sickert_1024px.jpg Ruedi Strese