Rembrandt van Rijn „Die Anatomie des Dr. Tulp“ (Öl auf Leinwand, 1632)
 

Berlin - Rembrandt van Rijn kann mit einigem Recht als der Größte des Goldenen Zeitalters der niederländischen Malerei angesehen werden. Er hat zuerst Strömungen des Barock seiner Zeit zu prächtiger Perfektion gebracht, später einen bewegenden individuellen Stil geschaffen.

Durch Verklärung zur Legende wurde sein tragisches Leben, wobei diese Verklärung einem Wunsch des Menschen entspringen dürfte, einer Sehnsucht nach absoluter Spannung zwischen dem einzigartigen Genie und dessen unsagbar tragischem Schicksal. Das Genie als Opfer der Götter. Dabei war das Schicksal van Goghs vielleicht intensiver und tragischer, so sich dies vergleichen läßt – auch ohne Verklärung; wobei hier jedoch die Meisterschaft nicht an die rembrandtsche heranreichte (was beileibe keine Schmähung van Goghs darstellen soll). Das absolut tragische Schicksal des Gottbegnadeten bleibt der Dichtung vorbehalten.

Damit wollen wir es nicht bestreiten, wenn wir hier schon vorgreifen: der Großmeister verstarb  verarmt und geschmäht. Doch vorher mußte er ein sehr wechselvolles Leben durchleben, welches wir hier in sehr groben Zügen skizzieren wollen.

Rembrandt van Rijn, der meist nur mit seinem Vornamen bezeichnet wird, wurde bekanntlich 1606 in Leiden in der Provinz Holland in den Niederlanden geboren. Wobei: niederländisch – das war damals nicht nur, wie heute, „Dutch“, sondern noch deutsch in einem engeren Sinne, denn sie waren damals noch Nordwestdeutsche und gehörten zum „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“, erst durch den Westfälischen Frieden 1648 bekamen sie eine eigene Staatlichkeit, in deren Rahmen sich dann das Volk der Holländer entwickelte, dem Rembrandt nun, vielleicht etwas anachronistisch, zugerechnet wird.

Sein Vater war Müller, seine Mutter Bäckerstochter; nicht gerade das gehobene Bürgertum, welches die meisten Künstler hervorbringt. Doch die Eltern waren ehrgeizig und wollten dem Sohn Bildung und somit eine bessere Zukunft ermöglichen und sorgten dafür, daß er an der philosophischen Fakultät in Leiden studieren konnte. Allerdings galt die Leidenschaft des Jünglings nicht der philosophischen Fakultät, sondern der Malerei, und anscheinend konnte er seinen Vater nach einem Jahr  überzeugen, daß er als Lehrling eines Malers besser aufgehoben sei.
Die Lehre währte von 1620 bis 1624, die Lehrer, die Historienmaler Jacob Isaacsz van Swanenburgh (in Leiden) und Pieter Lastman (in Amsterdam, der ihn immerhin mit dem Chiaroscuro oder Helldunkel vertraut machte, welches er später zur Meisterschaft bringen sollte), gehörten nicht unbedingt zur ersten Garde, doch mit 19 Jahren sprang er in die Selbständigkeit. Damals gab es noch keine Fotografie, deshalb waren Porträts angesagt, und diese Befriedigungen wohlhabender Eitelkeiten bildeten auch den Schwerpunkt seines Werkes in dieser Zeit in Leiden, wo er ab 1925 sein eigenes Atelier hatte. Er bezeichnete sich als „Kaufmann“, es war ein „Handwerk“, welches er mit einigem Erfolg versah, bevor er zu wirklicher Größe aufstieg. Auch unter dem Eindruck Lastmans entstandene Historiengemälde aus dieser Zeit sind bekannt. 
Ein Selbstbildnis von 1629 zeigt einen strubbeligen jungen Mann, der gleichzeitig wild und scheu wirkt. Überhaupt sollten die Selbstbildnisse eine Konstante seines Lebens werden. Vor ihm hatte kein anderer Maler sich so häufig selbst porträtiert (insgesamt 90 mal), auch nach ihm wurde dies nicht gerade Usus.

1631 ging er nach Amsterdam. Vorher hatten seine Werke bereits Anhänger gefunden, nun ging es steil bergauf. Es hagelte Aufträge, er malte, radierte und fand sich auf Geselligkeiten der Oberschicht. 1632 entstand die „Anatomie des Dr. Tulp“, eines der unbestrittenen Meisterwerke. Die 1634 mit der Patriziertochter Saskia van Uylenburgh geschlossene Ehe besiegelte seine Ankunft in den gehobenen Kreisen, er konnte nun als Meister selbständig unterrichten. Doch sein erster Sohn Rombartus wie die erste und zweite Tochter, Cornelia und Cornelia, starben frühzeitig, hinzu kamen Familienstreitigkeiten und der Tod der Mutter; künstlerisch ging es hingegen weiterhin aufwärts, gewaltige biblische wie lebendige häusliche Szenen, in denen oft Saskia zu sehen war, entstammen dieser Zeit.

Um 1640 begann er, sich in Gemälden und Radierungen der Landschafterei zuzuwenden, die „Gewitterlandschaft“ zählt dabei zu den bedeutendsten Arbeiten. 1641 erfolgte die Geburt des zweiten Sohnes, Titus genannt. 1641/42 entstand die berühmte „Nachtwache“, ein großartiges, vielschichtiges und etwas düsteres Werk, brilliant gemalt und zumindest bei den vorderen Figuren ein klassisches Beispiel des dramatischen rembrandtschen „Helldunkel“, bei welchem die Personen im Vordergrund in unnatürlicher, aber effektvoller Weise vor dem dunklen Hintergrund ausgeleuchtet sind. Daß das Bild ein Skandal oder doch ein Skandälchen wurde, scheint eher ein Mythos zu sein. 
Die Zeichen standen dennoch schlecht. Im Juni 1642 starb Saskia, worauf es zu heftigen Verwerfungen mit ihrer Familie kam, was ihn wesentliche Teile seiner gesellschaftlichen Verbindungen kostete. Sohn Titus wurde zur zentralen Figur in seinem Leben. Seine Produktivität ließ nun nach, die Bilder wurden düsterer, das menschliche Leid wurde zu einem Leitmotiv. Die Gesichter drücken oft schmerzliche Erfahrung aus, welche indes das erhaben-menschliche „Dennoch“ beinhaltet; charaktervolle Meisterwerke zweifellos, kommerziell besonders erfolgreich waren sie nicht mehr. Die Kunden wandten sich jüngeren Künstlern zu.

Privat ging er 1649 eine neue Beziehung mit Hendrickje Stoffels ein, durfte sie jedoch wegen einer Testamentsklausel nicht heiraten, was ihn mit der Kirche in Gegensatz brachte. Hendrickje gebar ihm 1654 die dritte Tochter, wieder Cornelia getauft. Finanziell kam er indes aus seinen Schulden nicht heraus, er mußte 1656 Konkurs anmelden und zog in ein weniger vornehmes Viertel, wo er unter Juden und Mennoniten lebte. 1660 wurde er in der Kunsthandlung seiner Partnerin und seines bereits schwerkranken Sohnes angestellt, konnte immerhin Aufträge annehmen und wieder unterrichten. 

1663 starb jedoch Hendrickje und wurde als von der Kirche Verstoßene auf dem Schindanger verscharrt, 1668 starb Titus, Rembrandt selbst folgte ein Jahr später. In seinen letzten Jahren hatte er noch bedeutende Bilder gemalt, darunter „Die Judenbraut“ (1666/67), das rätselhafte „Selbstbildnis als Zeuxis“ (1663) und „Simeon im Tempel“ (1669, unvollendet).

Rembrandt hatte ein umfangreiches Oeuvre an Zeichnungen, Radierungen und Gemälden hinterlassen, in welchen er eine Entwicklung von höchster Genauigkeit zu einer immer tieferen, charaktervolleren Darstellung durchmachte, von kräftigen zu immer feiner abgestimmten Farbgebungen; Bilder geschaffen, die umso mehr faszinieren, je eingehender man sie betrachtet.

Bevor die abendländische Musik, das Hören, in Bach wohl den Zenith erreichte, war vorher unser Sehen durch Rembrandt auf seinen absoluten Höhepunkt gestiegen; einen letzten, wenn auch ganz andersartigen Gipfel mag der Impressionismus Monets noch einmal dargestellt haben – das Sehen der Gegenwart scheint sich hingegen irgendwo zwischen abstraktem Expressionismus und RTL 2 einzupendeln. Wäre es nicht eine gute Idee, mal wieder ein Museum zu besuchen? Die Alte Pinakothek in München, die Gemäldegalerie Alte Meister in Kassel, oder die Berliner Gemäldegalerie vielleicht...?

Rembrandt van Rijn – Titan des Goldenen Zeitalters https://art-depesche.de/images/The_Anatomy_Lesson_gr_1024px.jpg Ruedi Strese
©2021 ART-Depesche.