Die Bostoner Schule des amerikanischen Impressionismus

Edmund Charles Tarbell „Im Obstgarten“ (1891)

Berlin - Der amerikanische Impressionismus brachte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert eine ganze Reihe regionaler Zentren oder Schulen hervor, etwa die Kalifornier um Guy Rose, William Wendt u.a., die vor allem von William Merritt Chase beeinflußten New Yorker oder eben auch die „Boston School“, welcher ein durchaus eigener Stil zugeschrieben wird.

Als geistiger Vater der Bostoner Schule kann William Morris Hunt angesehen werden. Dieser bedeutende Maler und Kunstlehrer, zudem im Beirat des Bostoner Museum of Fine Arts, brachte von einer Reise nach Paris den Geschmack für verschiedene französische Künstler wie Jean-Francois Millet, Claude Monet und Auguste Renoir mit und empfahl wohlhabenden Bostoner Bürgern, in Werke dieser Künstler zu investieren. Hunts Einfluß ist auch die erste Monet-Ausstellung in den USA zu verdanken, welche 1911 im Museum of Fine Arts in Boston stattfand.

Der Einfluß Hunts machte sich auch bei Edmund C. Tarbell, Frank Weston Benson und William McGregor Paxton geltend. Diese drei Maler vereinte, daß sie erst an der Académie Julian in Paris lernten und später an der Schule des Museum of Fine Arts lehrten, wo sie zahlreiche weitere Künstler beeinflußten. Insbesondere Tarbell wirkte dabei als Kristallisationspunkt; die unmittelbar um ihn versammelten Künstler wurden zeitweilig gar als „Tarbelliten“ bezeichnet.

Dabei übernahmen die Bostoner Künstler keineswegs den französischen Impressionismus in reiner Form (anders als etwa der Kalifornier Guy Rose, der sich stark an Monet orientierte), sondern brachten zahlreiche andere Einflüsse hinein. Neben der Schule von Barbizon war ein hoher Respekt für alte Meister wie Jan Vermeer van Delft prägend, was zu einer Verbindung des Malerischen-Impressionistischen mit einem besonderen Augenmerk auf technischer Perfektion und genauer Wiedergabe führte.

William Merritt Chase, selbst nicht den Bostonern zugehörig, doch sicher einer der wichtigsten amerikanischen Impressionisten, kommentierte diese umfassendere Entwicklung: „Ein neuer Stil ist erschienen, der Sprößling, wie wir wissen, des europäischen Stammes, welcher ihm jedoch nicht länger ähnelt.“

Eine ganze Reihe von Künstlern wird der „Boston School“ zugerechnet, darunter Joseph DeCamp, Gretchen Woodman Rogers, Philip Leslie Hale, Aldro Hibbard, Frederic Porter Vinton, Lilla Cabot Perry, Lilian Westcott Hale, John Joseph Enneking usw. Die Zeit, in welcher die der Schule zugezählten Werke entstanden, begann in der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts, Ausläufer gingen bis weit in die 1940er Jahre, da sich die Gruppe als stilprägend durchgesetzt hatte, und auch heute noch sind einige Künstler wie Charles Tersolo oder Yoshi Mizutani der von Tarbell, Benson und Paxton ins Leben gerufenen Tradition verpflichtet oder zumindest stark von ihr inspiriert.

Interessant ist vielleicht noch, daß in der Wahrnehmung der amerikanischen “Kunstszene” die Boston School eine deutliche Wandlung erfahren hat. Erfuhr der Impressionismus ursprünglich eine weitgehende Ablehnung wegen seiner zuerst ungewohnten Technik, stieg insbesondere die klassisch orientierte Boston School rasch zu hohem Ansehen auf und konnte sich trotz des Anbruchs der abstrakten Moderne lange halten, spätere Kritik verwarf sie wiederum als zu konservativ. So oder so muß man der Boston School bescheinigen, Sammelpunkt zahlreicher talentierter Künstler gewesen zu sein, welche sich in Zeiten der Auflösung mit ihren hohen technischen Fähigkeiten ungeniert dem Schönen widmeten.

Verweise:
http://yoshiartstudio.com
http://thebostonschoolofpainting.blogspot.de
http://www.tfaoi.com/aa/2aa/2aa492.htm
http://www.tfaoi.com/aa/7aa/7aa740a.htm