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Eugène Carrière „Der Kuß ihrer Mutter“ (Öl auf Leinwand, 1899)

Berlin - Als Eugène Carrière seine Karriere als Künstler begann, erblühte in Frankreich gerade der Impressionismus. Von diesem hielt er sich jedoch fern, ebenso von der akademischen Malerei, und ging statt dessen einen recht eigenen Weg, der ihn erst spät mit düsteren, schemenhaften und gleichzeitig herzenswarm wirkenden Portraits, die heute zum Besten des Symbolismus gezählt werden, zum Erfolg führte.

Carrière wurde 1849 in einer kinderreichen und nicht gerade wohlhabenden Familie in Gournay-sur-Marne bei Paris geboren, er wuchs in Straßburg auf, wo er bis 1868 blieb. Dort hatte er eine Ausbildung zum Lithografen absolviert, 1869 ging er zum Studium an die Pariser Kunsthochschule. Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 meldete er sich freiwillig und geriet in deutsche Gefangenschaft. Einer Darstellung nach sah er in Dresden Werke Rubens', die ihn stark beeindruckten; an anderer Stelle ist zu lesen, er habe Rubens bereits früher im Louvre entdeckt und sei durch ihn gar zum Kunststudium angeregt worden. 1872 ging er jedenfalls wieder nach Paris, um sein Studium fortzusetzen. Sein Lehrer war bis 1876 der akademische Historienmaler Alexandre Cabanel.

Eine Reise nach London brachte ihn mit Arbeiten William Turners in Berührung, der Eindruck prägte sein Werk deutlich. Während jener Jahre lernte er auch seine Frau kennen, mit der er insgesamt sieben Kinder schuf. Um seine Familie ernähren zu können, verdingte er sich als Gelegenheitskünstler, malte Postkarten und war in der Porzellanmanufaktor von Sèvres beschäftigt, wo er sich mit Auguste Rodin anfreundete. Seine kaum bekannten Arbeiten aus jener Zeit zeichnen sich noch durch relativ kräftige Farben aus.

In den späten 1880er Jahren wandte er sich von diesen leuchtenden Farben ab und den trüben Grau- und Brauntönen mit starker Betonung von Licht und Schatten zu, mit denen er heute vorrangig in Verbindung gebracht wird. 1889 hatte er im Pariser Salon einen Preis gewonnen, seither stellte sich der Erfolg endlich ein. Er malte Intérieurs und menschlich zutiefst berührende Bilder von Frauen und Kindern („Mutterschaft“, ca. 1890) und fertigte erstklassige Portraits von Schriftstellern und anderen Künstlern seiner Zeit, etwa Paul Gauguin, Paul Verlaine und Alphonse Daudet.
Carrière gehörte zu den Anführern der französischen Sezessionsbewegung, welche eng mit der um 1890 revitalisierten Société Nationale des Beaux-Arts zusammenhing. 1898/99 gründete er in Paris seine eigene private Kunstakademie, die als Académie Carrière einige Bedeutung erlangte. Zu seinen Schülern gehörten Henri Matisse und André Derain. Er setzte sich auch, trotz künstlerischer Differenzen, dafür ein, daß seine Schüler mit ihrem Herbstsalon 1903 im Grand Palais ausstellen durften, womit er dem Fauvismus eine wichtige Starthilfe gab. Er soll ein einfühlsamer Lehrer gewesen sein, und die Fauves haben sein Andenken stets in Dankbarkeit bewahrt. Die Schule existierte allerdings letztlich wegen ausbleibender Schüler nur wenige Jahre. Nachdem Carrière 1906 an Krebs starb, waren zahlreiche Künstler an seinem Grab versammelt, die Grabrede hielt sein Freund Auguste Rodin.

Eugène Carrière – das Menschengesicht im Symbolismus https://art-depesche.de/images/Her-mothers-kiss-eugene-carriere.jpg Ruedi Strese