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Grant Wood „American Gothic“ (Öl auf Holzfaserplatte, 1930)

Berlin - Er gilt als bedeutendster Vertreter der Regionalismus, einer besonderen Spielart des amerikanischen Realismus. In seinem Werk mischen sich präzise und detailgetreue, an alten Meistern angelehnte Darstellungsweise und eine sonderbar unwirkliche Atmosphäre, welche die Arbeiten, ohne in den Motiven die Wirklichkeit zu verlassen, in die Nähe des Surrealismus rückt.

Grant DeVolson Wood betrat die Welt 1891 in Anamosa (Iowa). Die Eltern waren Farmer und gehörten der Sekte der Quäker an. Der Vater starb bereits 1901, worauf die Familie in die Stadt Cedar Rapids umsiedelte. Zunächst ließ Wood sich in einem dortigen Holz- und Metallbetrieb ausbilden, allerdings waren seine künstlerischen Neigungen und wohl auch Fähigkeiten bereits früh manifest, denn schon im Alter von 14 Jahren gewann er erste Preise. Zunächst schloß er jedoch 1910 seine reguläre schulische Laufbahn an der Washington High School in Cedar Rapids ab. 
Noch im selben Jahr begann er sein Studium an der „Minneapolis School of Design and Handicraft and Normal Art“. Diese gehörte zur „Handicraft Guild“, der örtlichen Organisation des internationalen „Arts and Craft Movement“ und wurde bemerkenswerterweise hauptsächlich von Frauen geleitet. Im Folgejahr ging er nach Iowa zurück, und für jene Zeit gibt es nun widersprüchliche Angaben, wobei er an der Universität in Iowa studiert haben oder an einer ländlichen Schule unterrichtet haben soll. Vielleicht stimmt ja auch beides. 
Ab 1913 lernte er an Abendkursen des School of the Art Institute of Chicago und verdingte sich als Designer und Silberschmied. Das Studium in Chicago beendete er 1916, und während des Ersten Weltkrieges diente er der US-Army mit der Camouflagebemalung von Militärfahrzeugen. Nach seiner Militärzeit lehrte er Kunst in Cedar Rapids. 
In den zwanziger Jahren reiste er mehrfach nach Europa. Zuerst ging er mit seinem Freund Marvin Cone 1920 nach Paris, wo er von 1923 bis 1924 an der Académie Julian studierte. In seinen Jahren in Europa befaßte er sich mit verschiedenen Kunstrichtungen, vor allem dem Impressionismus und Postimpressionismus, doch war es schließlich ein alter Meister, der Flame Jan van Eyck, der ihn über alle Maßen beeindruckte und seinen eigenen Stil prägen sollte. Eine Ausstellung in Paris 1926 blieb recht erfolglos, und ein Aufenthalt in München 1928, wo er ein großes Bleiglasfenster fertigstellte, wurde seine letzte Reise nach Europa. In München kam er mit der Neuen Sachlichkeit in Berührung, vor allem aber besuchte er die Alte Pinakothek, wo er unter anderem Werke Dürers und der beiden Hans Holbein studierte und kopierte. 
Von nun an löste er sich weitestgehend von der europäischen Moderne und entwickelte seinen ganz eigenen Stil, einen kühlen Realismus, welcher in seinen meist ländlichen, regionalen Motiven die amerikanische Wirklichkeit schilderte. Die Genauigkeit übernahm er von Jan van Eyck, dennoch wirkt das Werk gleichzeitig sonderbar und fremdartig, wodurch eine wohl unbeabsichtigt surreale Stimmung erzeugt wird. Eine bedingte Ähnlichkeit des Woodschen Regionalismus ließe sich auch zur Neuen Sachlichkeit feststellen. 
Bereits 1924 (1922?) hatte Woods in Cedar Rapids ein Atelier bezogen, dies wurde zu seinem Hauptschaffensort. Er behielt es bis 1935, heutzutage befindet sich dort das örtliche Kunstmuseum. Als typisch für Woods eigenwilligen Regionalismus und überdies sein bedeutendstes Werk gilt heute das vieldiskutierte „American Gothic“ von 1930. Dieses Bild machte den bis dahin kaum beachteten Künstler plötzlich berühmt und hat heutzutage ikonischen Charakter bekommen, ähnlich der Mona Lisa oder Munchs „Schrei“, obwohl die Kunstkritik es seinerzeit weitestgehend als manieriert und sentimental ablehnte. 
Wood widmete sich in Folge ganz gezielt der Förderung US-amerikanischer Kunst. Dafür gründete er 1933 in der Nähe seiner Heimatstadt die Stone City Art Colony. Ab 1934 wurde er Dozent für Malerei an der Universität von Iowa. Er gab sich selbst die Aufgabe, einen eigenständigen amerikanischen Regionalstil zu entwickeln und zu verbreiten, es entstanden Portraits, Alltagsszenen und Landschaften. 
Allerdings währte der Erfolg des amerikanischen Regionalismus nur bis etwa 1940, dann erlosch das Interesse an diesem sonderbaren Lokalgewächs. Wood als sein Hauptprotagonist verstarb auch bereits 1942 an Leberkrebs in Iowa City. Es lohnt sich, aus heutiger Perspektive diese ungewöhnlichen, bisweilen unfreiwillig komischen und doch seltsam berührenden, Arbeiten anzuschauen. Ein späterer außergewöhnlicher Vertreter des amerikanischen Realismus mit zum Teil ähnlicher Themenwahl war Andrew Wyeth. Seine Bilder zeigen eine ganz andere Atmosphäre, dennoch ist ein Vergleich interessant und eine gewisse Verwandtschaft feststellbar.

Grant Wood – der Hauptdarsteller des amerikanischen Regionalismus https://art-depesche.de/images/Grant_DeVolson_Wood_-_American_Gothic.jpg Ruedi Strese