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Gabriel von Max "Der Anatom" (1869), Öl auf Leinwand, Neue Pinakothek München | Quelle: ART DEPESCHE

München - Gabriel Cornelius Ritter von Max (1840-1915) dürfte zu den eher obskuren Figuren der gründerzeitlichen deutschen Malerei gehören. In Prag geboren (ohne Adelstitel, diesen erhielt er erst 1900), begann er bereits 1915 für drei Jahre an der dortigen Kunstakademie zu studieren und erlangte 1878 eine Professur für Historienmalerei in München.

In diesem Metier der gründerzeitlichen Geschichtsdarstelung konnte er einige Erfolge vorweisen, besonderes persönliches Interesse hatte er jedoch an Fragen der Mystik, des Spiritismus, der Anthropologie, der Hypnose oder des Somnambulismus - 1884 brachte ihn diese Interessenlage in die Loge Germania der Theosophischen Gesellschaft.

Beliebte Objekte für kunstinteressierte Zeitgenossen wurden vor allem seine Darstellungen von Frauen: schön, sehnsuchtsvoll, leicht erotisch angehaucht, eingebettet in religiöse und literarische Themen. Von Edgar Allen Poe ist nun das Zitat überliefert, der Tod einer schönen Frau sei sicherlich das poetischste Thema der Welt. In einer gewissen Kongenialität widmete sich auch Max nicht nur der Schönheit, sondern oft und gerne auch dem Makabren. „Ein besonders bedeutendes Werk ist ‚Der Anatom‘ am Seziertisch vor der Leiche eines unglücklichen Mädchens sinnend, in dem Momente, wo nach dem Entfliehen der Seele der Zerstörung vertilgende Hand die Linien der Schönheit noch nicht hinnweggelöscht“ schrieb Nicolaus Mann 1888.

Das Ölgemälde von 1869 mißt beachtliche 136,5 mal 189,5 cm, man wird also ein paar Schritte zurücktreten, um es in der Gänze zu erfassen. Leuchtend aus der Dunkelheit hervor tritt das Leichentuch, worunter sich die zarten Glieder der Toten abzeichnen, der Anatom hebt des Tuch vorsichtig an, daß die bleiche Brust teilweise entblößt ist und schaut nachdenklich, das Kinn auf die linke Faust gestützt. Ein Moment der Melancholie schleicht sich ein, bevor, der Betrachter ahnt es schaudernd, die professionelle Arbeit des Mannes die traurige Schönheit zerstören wird, bevor die Verwesung dies tut.

Links oben findet sich faktisch ein Bild im Bild, arbeitsbezogene Requisiten (Bücher, Schädel, Kerze) des Wissenschaftlers sind, abgetrennt durch die Dunkelheit des Hintergrunds, in einer Weise angeordnet und meisterhaft abgebildet, daß der Betrachter sich unweigerlich an barocke Vanitas-Stilleben eines Harmen Steenwijck, Pieter Claesz oder auch Jan Davidsz. de Heem erinnert fühlt.

Morbides Detail ist ein kleiner Nachtfalter, welcher sich rechts unten auf die Tote zubewegt. Tatsächlich hat „Der Anatom“ eine Atmosphäre, wie sie am ehesten ein Poe oder LeFanu in ihren stilvollen Schauergeschichten zu erzeugen wußten. Gabriel von Max liegt in München auf dem Südfriedhof begraben, und ebenfalls in München - nicht auf dem Friedhof, sondern in der Neuen Pinakothek - ist „Der Anatom“ zu besichtigen, neben zwei weiteren Werken des Meisters.

 

Quelle:

 

http://www.sehepunkte.de/2012/03/19206.html

Morbide Schönheit - Gabriel von Max „Der Anatom“ https://art-depesche.de/images/IMG_0736.JPG Ruedi Strese