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Paul Sérusier „L‘averse“ (1893), Musée d’Orsay, Paris

Paris - Paul Sérusier, Jahrgang 1864, hatte in Paris studiert, 1883 seine zwei Diplome in Philosophie und klassischen Wissenschaften erhalten und sich 1885 oder 1886 an der angesehenen privaten Académie Julian eingeschrieben. 1888 reiste er nach Pont-Aven in der Südbretagne, wo er sich der kleinen Künstlergruppe um Paul Gauguin anschloß, welche nachträglich als Schule von Pont-Aven bezeichnet wurde.

Die Werke der Schule von Pont-Aven werden dem Post-Impressionismus zugerechnet, stehen jedoch im zum Teil bewußten Gegensatz zur neoimpressionistischen bzw. pointillistischen Richtung von Paul Signac oder Georges Seurat. Anstelle der Punktmalerei herrschten kräftige und reine Farben. Zwei kurzlebige Stilrichtungen entstanden aus dieser Schule: zum einen der Cloisonismus, welcher sich von japanischen Holzschnitten beeinflussen ließ, auf die Zentralperspektive verzichtete und sich oft greller Farben bediente, zum anderen der Synthetismus, welcher als Verbindung von Cloisonismus und Symbolismus verstanden wurde und stark vereinfachend Bilder aus der Erinnerung entstehen ließ; auch Gauguin selbst bediente sich dieses Stils. Die Schule sollte bis ca. 1896 bestehen, auch wenn Gauguin sich 1891 bereits von ihr abwenden und nach Tahiti ziehen sollte.

Hier, in Pont-Aven, ließ sich Sérusier inspirieren, und unter den kritischen Augen Gauguins malte er 1888 ein Bild namens „Der Talisman“, welches einen bis dahin selten gekannten Grad der Abstraktion aufwies. Nicht lange darauf gründete er mit anderen Studenten der Académie Julian seine eigene Gruppe, welche sich Les Nabis (von Nabi, hebräisch und arabisch „Prophet“) nannte, Namensgeber war Sérusiers Freund, der Schriftsteller, Mediziner und Orientalist Henri Cazalis. „Der Talisman" wurde zu ihrem Programmbild.

Zu den bekannteren Vertretern der Nabis gehörten die Maler Maurice Denis, Édouard Vuillard, Paul Bonnard und Paul Ranson sowie vorübergehend Aristide Maillol, der hauptsächlich als Bildhauer Bedeutung erlangte. Neben Gemälden und Plastiken brachte die vielseitige Gruppe unter anderem Poster, Kunstdrucke, Bühnendekorationen, Textiliendesign und Buchillustrationen hervor.

In den frühen 1890er Jahren  gab es durchaus beachtete Gruppenausstellungen, wobei mehrere der beteiligten Künstler auch schon eigenständig Erfolge feiern konnten. Cézanne und Gauguin, Japanische Farbholzschnitte, Impressionismus und Symbolismus waren Quellen der Inspiration, und in ihrer Blütezeit gehörten Les Nabis zur avantgardistischen Speerspitze. Als die Kunst sich immer mehr in Richtung Abstraktion bewegte und Expressionismus und Kubismus auf den Plan traten, gingen die Nabis diesen Schritt jedoch größtenteils nicht mit, auch wenn sie zu den Vorreitern dieser Bewegungen zählen können. Sie blieben stattdessen wesentlich ihren impressionistischen Wurzeln verbunden und folgten dem gefundenen Weg bis ins mittlere 20. Jahrhundert.

 

Paul Sérusier lehrte selbst später an der Académie Ranson und brachte 1921 ein kunsttheoretisches „ABC der Malerei“ heraus. Der Gründer der Nabis starb bereits 1927, andere Vertreter sollten ihn um viele Jahre überleben.

Paul Sérusier und „Les Nabis“ - Zwischen Post-Impressionismus und Abstraktion https://art-depesche.de/images/Serusier-averse_800px.jpg Ruedi Strese