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Heinrich Heuser „Waldinneres auf Bali“ (Öl und Tempera auf Leinwand, 1926)

Berlin - Der Ansatz der aktuellen Ausstellung im Hamburger Bahnhof ist ein geschichts- und zum Teil auch gesellschaftspolitischer. Weg vom Eurozentrismus, Bewältigung der kolonialen Vergangenheit. Unter dem Titel „Hello World. Revision einer Sammlung“ wurden die Bestände der Nationalgalerie neu gesichtet. Das entspricht gegenwärtigen Moden. Doch für uns ist die entscheidende Frage natürlich, was dem kunstsinnigen Betrachter geboten wird.

Für unseren kurzen und naturgemäß bloß groben Überblick folgen wir hier der Einfachheit halber der im Begleitheft zur Ausstellung gewählten Reihenfolge. Den Beginn markiert die Haupthalle hinter dem Eingangsbereich. Unter dem Titel „Agora“, nach dem zentralen Versammlungsplatz der Stadt, finden sich hier großformatige Installationen, Gelegenheiten zum Verweilen und für das Konzept für passend erachtete Zitate.

„Ein Paradies erfinden – Sehnsuchtsorte von Paul Gauguin bis Tita Salina“ widmet sich vor allem der Begegnung zwischen Europa und dem indonesisch-polynesischen Raum. Ausgegangen wird von der Mode eines oberflächlichen Orientalismus; dieser bediente sich der im 19. Jahrhundert in Dresden lebende Raden Saleh, welcher die europäisch geprägte Malerei nach Indonesien brachte. Paul Gauguin, Max Pechstein und Emil Nolde verbrachten eine kürzere oder längere Zeit in diesem Kulturkreis und ließen sich mehr oder (eher) weniger darauf ein. Spannende Schlüsselfigur eines anderen Verhältnisses wurde dann der Dresdner Walter Spies, welcher sich dauerhaft in Indonesien niederließ und auf Bali, gemeinsam mit I Gusti Nyoman Lempad die Künstlergruppe „Pita Maha“ ins Leben rief. Beide sind mit sehr sehenswerten Arbeiten vertreten. Ein kleines Schmankerl bildet eine Landschaft des Deutschen Heinrich Heuser, „Waldinneres auf Bali“ (1926). Bei den meisten indonesischen Künstlern fällt die extreme Dichte der Arbeiten auf, ein fundamentaler Gegensatz zur Kunst Japans und Chinas.

Gesondert erwähnt sei auch noch der zeitgenössische balinesische Künstler Gede Mahendra Yasa, welcher mit zwei großen Bildern („Between You, Me & the Bedpost #1 and #2“) vertreten ist – außergewöhnlich und spannend, denn eines stellt ein rein abstraktes Bild nach Art des amerikanischen abstrakten Expressionismus dar, das andere auf den ersten Blick eine Kopie davon – tatsächlich aber erweist sich jeder vielleicht zuerst zufällig wirkende Farbklecks als fein ausgearbeitetes Ornament aus traditionell indonesischen Bildelementen. Sollte man gesehen haben!

Unter „Ankunft, Einschnitt – die indische Moderne als gewundener Pfad“ wird analog die europäisch-indische Begegnung betrachtet, mit (wie der Titel sagt) etwas aktuellerem Fokus. Einer Gegenüberstellung der kritischen Ansätze von George Grosz und dem Inder Gaganendranath Tagore (dem Neffen des Dichters Rabindranath Tagore) wird Raum gegeben, bei den vertretenen modernen Indern fällt auf, daß manche starkes Lokalkolorit haben, andere jedoch auch von überall herkommen könnten.

„Menschenrechte des Auges – ein Bilderatlas zur Sammlung Marx“ zeigt eine Auswahl der Sammlung Erich Marx, welche 1996 einen Teil der Bestände des Hamburger Bahnhofs bildet. Das Anliegen ist auch hier ein politisches, nämlich die Forderung nach „Unabhängigkeit der Kunst von gesellschaftlichen Normen“ des Kulturhistorikers Aby Warburg, den sich, so scheint es, die Macher zu eigen machen (Unabhängigkeit natürlich nur von den Normen der „anderen“, ließe sich vermuten). Gezeigt werden dabei u.a. Arbeiten von Beuys, Salomé, Robert Rauschenberg und v.a. Andy Warhol.

„Woher kommen wir? - Skulpturale Formen der Aneignung“ befaßt sich, unter der im Titel bereits gegebenen Wertung, mit dem Einfluß außereuropäischer (als primitiv wahrgenommener) Kunst auf die frühe westliche Avantgarde. Mit „Verwobene Bestände – Arte Popular, Surrealismus und Emotionelle Architektur“ betreten wir die langgestreckten Rieckhallen. Mexiko ist das Thema, und hier trifft mexikanische Volkskunst auf Surrealismus, eine wechselseitige Beeinflussung ist feststellbar (die mexikanisch-surrealistische Begegnung ist ein Thema für sich). Neben europäischen Künstlern mit Bezug zu Mexiko (v.a. Wolfgang Paalen) sind Arbeiten indigener Künstler zu sehen (Antonio Ruiz, Juan O’ Gorman u.a.).

„Vorfahren und Nachfahren – Bildkulturen Nordamerikas“ befaßt sich analog mit der Kunst der nordamerikanischen Indianer sowie deren Einfluß auf den abstrakten Expressionismus. Herausstechend hier der kanadisch-indianische Maler Lawrence Paul Yuxwelluptun.

Im folgenden Teil „Orte der Nachhaltigkeit – Pavillons, Manifeste und Krypten“ werden Künstler und Gruppen aus dem ehemaligen Ostblock vorgestellt, welche dort Wege abseits des Mainstream gingen, es finden sich im selben Raum die slowenischen Industrial-Musik-Pioniere Laibach und die NSK (Neue Slowenische Kunst) mit einer größeren Auswahl der Werke Kasimir Malewitschs (diese ist übrigens sehr interessant und zeigt mehr als „schwarze Quadrate“). „Die tragbare Heimat – vom Feld zur Fabrik“ verbindet Künstler und Intellektuelle aus der armenischen Diaspora mit der seltsamen und faszinierenden Gestalt Heinrich Vogelers, welcher vom Jugendstil und der Kolonie Worpswede kam und sich aus politischer Überzeugung ins bolschewistische Rußland begab und zu dessen Agitprop-Künstler wurde.

Weiter geht es mit „Plattformen der Avantgarde – Der Sturm in Berlin und Mavo in Tokio“, wo Parallelen und Wechselwirkungen zwischen der frühen deutschen/westlichen und japanischen Avantgarde gezeigt werden; Schwitters, Feininger, Kandinsky u.a. treffen auf Tomoyoshi Murayama. „Rot, Gelb und Blau gehen um die Welt“ wiederum ist eine Gegenüberstellung des riesigen abstrakten Gemäldes „Who is Afraid of Red, Yellow and Blue IV“ (1969-70) des amerikanischen Avantgardisten Barnett Newman mit vier direkt oder indirekt darauf referierenden kleinformatigen Arbeiten des Chinesen Liu Ye (*1964).

Neben den 13 Hauptsälen gibt es noch sechs Zwischenräume, die kurz erwähnt seien. Der zum Dauerprogramm gehörende Joseph Beuys wurde an seinem Ort gelassen, die Chinesin Qin Yufen (*1954) wurde mit einer nicht uninteressanten Installation in dessen räumliche (und konzeptuelle?) Nähe gerückt. Ebenfalls vertreten ist der japanische Filmemacher und Pop-Art-Künstler Keiichi Tanaami.

In den Rieckhallen findet sich eine recht amüsante Installation des Russen Ilya Kabakov „Heruntergerissene Landschaft“, welche auf einer großen Reihe einzelner Tafeln meist skeptische Kommentare erdachter Betrachter auf abstrakte Gemälde wiedergibt. Der Japaner On Kawara bekommt einen Saal für seine „Datumsbilder“. Unbedingt besuchenswert ist, am letzten Ende der Rieckhallen (wo der Verfasser dieser Zeilen während seines etwa zehnminütigen Aufenthalts der einzige Besucher war), eine Installation Bruce Naumans „Room With My Soul Left Out, Room That Does Not Care“. Drei sich überkreuzende Korridore schaffen in ihrer Mitte einen leeren Raum, welcher eine ganz sonderbare Stimmung hervorruft.

Alles in allem: das Ausklammern politischer Fragen, wie wir es hier üblicherweise praktizieren, ist natürlich bei einer betont politisch motivierten Ausstellung schwierig. Indes: eine moralische Kritik des Gewesenen aus den hippen Vorstellungen der Gegenwart ist natürlich kein revolutionärer Akt, dies ändert sich weder durch die Verwendung von Gendersternchen noch durch die Verwendung von im universitären Monolog populären Schlagworten wie „kulturelle Aneignung“. Und natürlich ließe sich auch spöttisch fragen, ob westlich-ultraprogressive Vorstellungen nicht auch vor allem eins sind: nämlich westlich. Künstlerisch gibt es aber wirklich Spannendes, Überraschendes und selten Geschautes zu sehen – wobei den ersten Platz (nach Ansicht des Verfassers dieses Artikels) hierbei die Malerei aus Indonesien einnimmt.

Ansonsten empfiehlt es sich, Zeit mitzubringen, da fast das gesamte Gebäude einschließlich der Rieckhallen (nur die Beuys-Abteilung wurde an ihrem Ort gelassen) für diese Ausstellung genutzt wird. Es ist sehr viel zu sehen, die Auswahl erscheint teilweise auch recht willkürlich. Die eröffneten „neuen Perspektiven“ sind bisweilen durchaus interessant, allerdings könnte man fragen, ob dies die Aufgabe einer Nationalgalerie sei, oder nicht für derartige Ansinnen eher eine parallele „Weltgalerie“, „Galerie der weltweiten Moderne“ (oder dergleichen) genutzt werden sollte. „Hello World“ wird noch bis zum 26.8. 2018 zu besichtigen sein. Der Hamburger Bahnhof befindet sich in der Invalidenstraße 50-51, 10557 Berlin, nur wenige Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Geöffnet ist er am Dienstag. Mittwoch und Freitag von 10-18 sowie am Donnerstag von 10-20 Uhr, am Wochenende von 11-18 Uhr, und Montags geschlossen.

 

Verweise:

https://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/hamburger-bahnhof/ausstellungen/detail/hello-world-revision-einer-sammlung.html
https://www.widewalls.ch/artist/gede-mahendra-yasa/

„Hello World“ - Kunst aus aller Welt und ein Versuch moderner Perspektiven https://art-depesche.de/images/1ED10F88-56DC-4446-B7BB-1E753FDBA2D5.jpg Ruedi Strese