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Philipp Franck „Badende Jungen“ (Öl auf Leinwand, 1911)

Berlin – Im mit Kunstmuseen reich bestückten Berliner Bezirk Charlottenburg (Sammlung Berggruen, Bröhan-Museum, Sammlung Scharf-Gerstenberg) befindet sich, etwas versteckt in hübscher Umgebung, das Museum Charlottenburg-Wilmersdorf. Beherbergt in der prächtigen, 1881/82 im Stil der Neurenaissance errichteten Villa Oppenheim, welche einst den Familien Mendelssohn und dann, durch Heirat, Oppenheim als Sommerwohnsitz diente, finden sich dort wechselnde Ausstellungen zur Stadtgeschichte, und, für uns vor allem interessant, die Kunstsammlung der Stadt Charlottenburg.

Stadt Charlottenburg? Ganz richtig, denn dieser lange selbständige Ort wurde Groß-Berlin erst 1920 als Bezirk eingemeindet. Und bis dahin konnte diese Stadt eine eigene Kunstsammlung aufbauen, welche sich hauptsächlich aus zwei Quellen speist.

Die erste dieser beiden ist die amtliche Sammlung, welche die „Charlottenburger Deputation für Kunstzwecke“ für Charlottenburg, ab 1904 reichste Stadt Preußens und Magnet für aufstrebende Künstler, erwarb. Diese schöngeistigen gewählten Deputierten der Stadtverordnetenversammlung besuchten Ateliers und Ausstellungen und kauften Arbeiten, um diese in den repräsentativen Räumen des Rathauses der Stadt auszustellen. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf der Berliner Secession, welche ab 1899 in Charlottenburg ihre Ausstellungen durchführte. Impressionisten wie Max Liebermann, Walter Leistikow und Franz Skarbina spielten eine bedeutende Rolle.

Den zweiten großen Teil der Museumsbestände stellt die Privatsammlung des Mäzens und Fabrikanten Hugo Raussendorff darf, welcher diese mit seinem Tod 1911 der Stadt vermachte. Raussendorf war ein recht vielseitiger Sammler, doch gewisse Schwerpunkte lassen sich in den Malerschulen Münchens und Düsseldorfs sowie in Plastiken der neobarocken Berliner Bildhauerschule um Reinhold Begas erkennen.

Insgesamt umfaßte die Charlottenburger Sammlung vor dem Zweiten Weltkrieg über 450 Werke, von denen allerdings rund drei Viertel als verschollen gelten, was wohl zumindest zu Teilen auf zwei Säuberungswellen, nämlich eine nationalsozialistische und später eine alliierte zurückgehen dürfte. Das Museum präsentiert nun in vier großen Räumen seines ersten Obergeschosses einen repräsentativen Querschnitt dessen, was geblieben ist, oder wiedergefunden wurde und zurückgekommen ist.

Dabei geht es vom Barock bis in die frühe Moderne, und häufig sind die Werke nicht nur kunstgeschichtlich interessant, sondern zeigen auch Berliner (bzw. Charlottenburger) Stadtgeschichte, stellvertretend dafür seien „Charlottenburg im Jahre 1762“ von Johann Gottlieb Blume (die älteste bekannte Stadtansicht Charlottenburgs) sowie die Darstellung der alten Caprivi-Brücke des norddeutschen Architekturmalers Carl Krafft (1905) genannt, ebenso zwei große Berliner Stadtansichten Friedich Kallmorgens von 1914.

Die deutschen Impressionisten sind mit Franz Skarbina, Max Liebermann, Walter Leistikow und Philipp Franck (mit seinem lichtvollen „Badende Jungen“) vertreten, aus der Münchener Schule finden sich Eduard Schleich d.Ä., August Holmberg und Johann Geyer. Der große Johann Wilhelm Schirmer, welcher an der Düsseldorfer Akademie die Landschaftsmalerei erneuerte und den Bogen von der Romantik zum Naturalismus schlug, ist mit einem Wasserfall dabei, je eine Arbeit von zweien seiner Schüler, August Wilhelm Leu und Carl Gustav Rodde, sind ebenfalls ein Hochgenuß in Landschaftsmalerei.

Zwei wahre Kleinode seien noch erwähnt, nämlich eine äußerst ungewöhnliche und brillante Arbeit des Großmeister Adolph von Menzel, „Erinnerung an den Brauteinzug des Prinzen Wilhelm“, sowie eine sehr intensive kleinere postimpressionistische Landschaft Alfred Helbergers. Natürlich handelt es sich hier nur um Beispiele.

Was die Plastiken angeht, sind u.a. mit kleineren Skulpturen von Reinhold Begas und dessen Meisterschülern Ernst Waegener, Reinhold Carl Felderhoff und Johannes Götz ebenfalls ausgezeichnete Arbeiten zu betrachten. Bewegend ist die Bronze „Mutter und Kind“ von Wilhelm Otto, und auch eine große Holzplastik des Tirolers Franz Scheiber, welche „Maria mit Jesus und Johannes“ darstellt, in Eiche (Ausstellungstext) oder Linde (Katalog).

Alles in allem haben wir es hier mit einer veritablen Schatztruhe im „Hinterhof der Charlottenburger Museumsmeile“ zu tun, welche durchaus mehr Beachtung verdient hätte. Das Museum Charlottenburg-Wilmersdorf befindet sich in der Schloßstr. 55 / Otto-Grüneberg-Weg in 14059 Berlin. Geöffnet ist es von Dienstag bis Freitag von 10-17, an Wochenenden und Feiertagen von 11-17 Uhr. Den Eintritt spendiert der Steuerzahler.

 

Verweise:

https://www.villa-oppenheim-berlin.de/
https://www.villa-oppenheim-berlin.de/ausstellungen/kunstsammlung.html
https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/sonstiges/personen/artikel.194132.php

Die Kunstsammlung der Stadt Charlottenburg in der Villa Oppenheim https://art-depesche.de/images/29CB630A-38D9-4BAA-B04F-E69A9E4D9732.jpg Ruedi Strese