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Giorgio de Chirico „Der große Metaphysiker“ (Öl auf Leinwand, 1948, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie)

Berlin – Gegenüber vom Schloß Charlottenburg befinden sich die beiden Stülerbauten, benannt nach dem Architekten Friedrich August Stüler, welcher sie 1851-59 errichten ließ. Getrennt sind sie durch die Schloßstraße; beide enthalten bedeutende Sammlungen der Moderne. Im westlichen Gebäude befindet sich die Sammlung Berggruen, im östlichen und dem angrenzenden Marstall die Sammlung Scharf-Gerstenberg, welche sich vorrangig dem Surrealismus und dessen Vorreitern widmet.

Bis 2006 residierte in dem Gebäude das Ägyptische Museum, dann zog es auf die Museumsinsel. Geblieben sind davon vorläufig (bis zur Fertigstellung des vierten Flügels des Pergamon-Museums) die Sahurê-Säulen und, am Eingang des Marstalls, das Kalabscha-Tor. Schreiten wir durch dieses, staunend, und betreten den Saal, welcher einst ein Pferdestall war und nun die Wechselausstellungen der Sammlung beherbergt.

Derzeit handelt es sich bei dieser um eine Reihe von Skulpturen und malerischen bzw. graphischen Arbeiten. Die Skulpturen, verteilt in der Mitte des Saales, stammen von Henri Laurens; es sind größtenteils Bronzen und eine Arbeit aus Kalk, unverkennbar ist die gleiche Handschrift in den stark unterleibsbetonten, voluminösen Körpern.

Den Schwerpunkt der mehr oder minder zweidimensionalen Stücke bilden Werke Jean Dubuffets, welche ein sehr breites Spektrum wiedergeben, vom einfachen Ölbild über die Zeichnung bis zum ungewöhnlichen „Blühende Erde“, einer mit Öl bemalten Pflanzenteilcollage. Ein sehr bekanntes Werk ist „Jean Paulhan schwarzer Teufel“, ebenfalls dort zu sehen. Außerdem vertreten sind Gerhard Altenbourg, Mark Tobey, Zoltan Kemény und Max Ernst. Max Ernst wird übrigens Thema der nächsten Wechselausstellung sein, welche dort ab Dezember stattfinden soll, was zwar noch nicht offiziell angekündigt ist, aber uns durch unsere Spione zu Ohren kam.

Gehen wir also hinüber in den östlichen Stülerbau, wo sich die Dauerausstellung befindet. Am Anfang erfahren wir einiges über die Geschichte der Sammlung und ihren Initiator, den Gründer und Generaldirektor der Victoria-Versicherung Berlin, Otto Gerstenberg (1848-1935).

Im Erdgeschoß des Gebäudes befinden sich in erster Linie grafische Arbeiten von Vorreitern und Vorbildern des Surrealismus, darunter überaus hochkarätige Werke wie ein ganzer Raum voll der berühmten morbiden Aquatinta-Radierungen eines Francisco de Goya, einige der Caprichos, Proverbios und andere. Ebenfalls einen eigenen Raum erhielt die 1760/61 bereits geschaffene „Kerker“-Reihe von 16 großformatigen Radierungen Giovanni Parinesis.

Zusammenhängend dargestellt ist auch ein weiterer epochaler Beleg eines „Proto-Surrealismus“; nämlich die zehn Tuschezeichnungen Max Klingers von 1878 mit dem ausladenden Titel „Phantasie über einen gefundenen Handschuh, der Dame, die ihn verlor, gewidmet“. Weitere, meist kleinformatige Arbeiten gibt es u.a. von James Ensor, Alfred Kubin, Hans Bellmer, Horst Janssen, Victor Hugo, Georges Seurat; mit einer Reihe größerer Bilder vertreten ist Odilon Redon. Eine gewisse Überraschung stellt Manets lithographische Reihe „Der Rabe“ von 1875 dar, diese hat wahrlich wenig mit dem zu tun, was man von Manet sonst kennt.

Das erste Obergeschoß zeigt schließlich vorrangig die eigentlichen Surrealisten, heraus fällt hier vor allem der geniale Einzelgänger Giorgio de Chirico, welcher mit zwei graphischen Werken und dem magischen Ölgemälde „Der Große Metaphysiker“ dabei ist. Eigene Räume bekamen Paul Klee und Max Ernst, ein weiterer Raum vereint zwar verschiedene Künstler, welche sich jedoch alle mit dem Abklatschverfahren beschäftigt haben. Mit einer größeren Anzahl von Arbeiten im Programm sind außerdem Hans Bellmer und René Magritte, darüber hinaus begegnen wir Salvador Dalí, Kurt Schwitters, André Masson, Oscar Domínguez, Joan Miró und anderen.

Die Bedeutung der Sammlung Scharf-Gerstenberg, welche übrigens Teil der Nationalgalerie ist, sollte ausreichend klar geworden sein. Sie befindet sich in der Schloßstraße 70 in 14059 Berlin. Geöffnet ist sie von Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr sowie am Sonnabend und Sonntag von 11-18 Uhr; der Montag ist Schließtag. Ein gewöhnliches Ticket kostet 10 Euro (ermäßigt 5,-) und berechtigt zusätzlich zum Besuch der Sammlung Berggruen, welche mit einer großen Zahl von Bildern von Picasso, Henri Matisse, Paul Klee u.a. ebenfalls etwas zu bieten hat.

 

Verweise:

https://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/sammlung-scharf-gerstenberg/home.html
https://art-depesche.de/malerei/78-goyas-„los-disparates“-die-entfesselte-hölle.html

Surreale Welten – Die Sammlung Scharf-Gerstenberg https://art-depesche.de/images/0915D5F3-3CAB-4DF9-A6CA-E2C02B89BA83.jpg Ruedi Strese