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Eduard Gaertner Unter den Linden 1852

Berlin - Wer heutzutage Berlins Prachtstraße Unter den Linden entlangspaziert, wird den gegenwärtigen Zustand kaum begeisternd finden. Zwischen Berliner Dom und Brandenburger Tor befindet sich eine ganz gewaltige Baustelle und die klobige „Humboldt-Box“ beleidigt das Auge jedes ästhetisch empfindenden Menschen. Man muß sich geistig in andere Zeiten zurückversetzen, um sich die gewaltige Wirkung dieser Straße vorstellen zu können. Hilfreich sein kann dabei ein Gemälde Eduard Gaertners.

Johann Philipp Eduard Gaertner, geboren 1801 in Berlin, erhielt seine erste Ausbildung in der Königlichen Porzellanmanufaktur in Berlin. 1821-25 arbeitete er im Atelier des Königlichen Hoftheatermalers Carl Wilhelm Gropius. Darauf begab er sich für drei Jahre nach Paris, was seinen Malstil deutlich beeinflussen sollte. In dieser Zeit fand er auch zu seinem klaren Vorzugsthema, der wirklichkeitsgetreuen Wiedergabe von Stadtansichten.

Besonders am preußischen Hof um Friedrich Wilhelm III. waren seine präzisen Arbeiten beliebt, die Architektur Schinkels fand eine zeitgenössische Abbildung, auch Schloßanlagen wie Sanssouci und Bellevue wurden in Gemälden festgehalten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließ seine Beliebtheit nach, trotz der dem Geschmack der Zeit und speziell Friedrich Wilhelms IV. geschuldeten Abwendung vom Klassizismus zu eher romantisierenden Naturdarstellungen. Auch das Aufkommen der Fotografie als konkurrierendes Mittel realistischer Abbildung dürfte eine Rolle gespielt haben. Seine letzten Jahre von 1870-77 verbrachte er zurückgezogen im brandenburgischen Rheinsberg.

In Gärtners Darstellung steht der Betrachter „Unter den Linden“ in östliche Richtung schauend, zwischen der Humboldt-Universität (dem ehemaligen Palais des Prinzen Heinrich) auf der nördlichen Seite und dem Reiterstandbild Friedrichs des Großen in der Straßenmitte, hinter diesem das Opernhaus; das östliche Ende des Sichtfeldes markiert das 1950 auf Beschluß der SED beseitigte und derzeit als magere Imitation wiedererrichtete Stadtschloß.

„Unter den Linden“ wurde 1852 gemalt, gehört somit zu seinen späteren Stadtdarstellungen; den Hauptteil seiner Architekturmalerei hatte er in dieser Zeit bereits geschaffen. Doch auch hier beeindruckt die genaue Beobachtungsgabe, das Bild ist stimmungsvolles Kunstwerk und wertvolles Zeitdokument zugleich, vom Festhalten der Architektur vor ihrer Zerstörung durch Krieg und Parteitagsbeschlüsse bis zur wirklichkeitsgetreuen Wiedergabe zeitgenössischer Kleidung.

Berliner Architekturmalerei: mit Eduard Gaertner Unter den Linden https://art-depesche.de/images/Eduard_Gaertner_Unter_den_Linden_1852.jpg Ruedi Strese